„Wenn es dunkel wird“ – Peter Stamms unwahrscheinliche Erzählungen

Peter Stamms erster Erzählungsband aus dem Jahr 1999 umfasste nur 123 Seiten, enthielt aber mehr Welt als manch dickleibiger Roman. Er trug den lapidaren Titel „Blitzeis“. Blitzeis entsteht, wenn Regen auf gefrorenen Boden trifft. Unter den Füßen wird es plötzlich glatt. So ergeht es mancher Stamm-Figur und manchmal auch dem Leser. Kurzgeschichten zeigen nur Ausschnitte. Viele von Stamms Kurzgeschichten leben vom Angedeuteten und Ausgesparten, von der dichten Konzentration. Jedes Detail ist von Bedeutung. Vielleicht sagen Kurzgeschichten deshalb so viel, weil sie nicht alles sagen. Gerade Peter Stamm ist ein Lakoniker.

„Wenn es dunkel wird“ ist sein fünfter Erzählband. Es sind unwahrscheinliche Geschichten, in mehrfachem Sinn: Sie sind gut, oft unrealistisch und meist nicht glaubhaft. Etwa die zweite, ein Märchen am Züricher See. Der Leiter der Ausgrabungen am Ufer ist eine Lichtgestalt: intelligent, gebildet, gut aussehend, erfolgreich, charmant, ein Gentleman. Alle Mitarbeiterinnen schwärmen von ihm, aber am Ende ist es die Ich-Erzählerin, eine Graphikerin, die ihn gewinnt, dank eines aufsehenerregenden Auftritts.

Stamm hat auch sonst glänzende Einfälle. Eine junge Frau wird von einem Künstler in eine Skulptur verwandelt: Er baut sie in Aluminium nach. Die junge Dame interessiert sich an und für sich nicht für Kunst, aber für diese schon. Der Käufer der Skulptur lädt die Frau zu sich ein, in seine Villa hoch über dem Zürichsee, aber die Geschichte bricht ab, bevor die Liebesgeschichte beginnt. An dieser Stelle kann die Phantasie des Lesers die Erzählung fortschreiben. Es wäre nicht die einzige Liebesgeschichte des Bandes.

Wie gewohnt ist Stamms Stil schmucklos und sparsam. Es gibt nur wenige Sätze mit Adjektiven. Aber er hat schon sorgsamer formuliert: „nerven“ ist ein ziemlich verbrauchtes Modewort, und Stamm benutzt es exzessiv. Einige Beispiele: Auf Seite 60 „nervt“ das Piercing. Auf Seite 61 heißt es: „Sabrina war genervt“. Seite 62: „Auch in der WG nervten sie in letzter Zeit alle.“ Auf Seite 63 werden die „nervigen Kolleginnen“ erwähnt, auf Seite 64 wirkt eine Figur „etwas genervt“.

Man könnte den Autor verteidigen: die Sprache sei der Schlichtheit der Hauptfigur angepasst. Aber auch in der nächsten Geschichte, ein ehemaliger Krankenhausarzt kehrt in seine Klinik zurück, gibt es Nervosität.

Dieser ehemalige Arzt stellt fest: „Dabei hörte ich mehr zu, als dass ich selber sprach, von mir gab es nicht viel zu erzählen.“ Vielleicht sind deshalb so viele Stammfiguren einsilbig.

Dass die Geschichten unwahrscheinlich sind, ist kein Einwand gegen sie. Ganz bewusst arbeitet Stamm mit dem Unrealistischen.

Die unglaubhafteste Geschichte ist „Dietrichs Knie“. Auf die Bedeutung des Titels kann hier nicht näher eingegangen werden, zum Inhalt nur so viel: Ein Paar arbeitet in einer Werbeagentur. Er verliert seinen Job, sie darf bleiben, weil sie der Geschäftsleitung angehört. Durch Zufall entdeckt er auf ihrem Laptop eine Mail eines Kollegen, der die Flirtlust anzumerken ist. Er will sehen, ob seine Partnerin ihm treu ist. Er schlüpft in die Rolle des Kollegen und schreibt ihr immer zudringlichere Mails. Schließlich schlägt er ein Treffen in einem Hotel vor. Nicht nur er ist überrascht, auch der Leser. Beiden wird es unter den Füßen glatt. Das ist wohl die verstörendste Geschichte des Bandes.

Traurig-schön ist die Geschichte eines höflichen, etwas melancholischen kaufmännischen Angestellten aus Italien, der keine Freunde hat, und seiner viel jüngeren attraktiven Kollegin. Nach einem gemeinsamen Blutspenden kommen sie einander näher. Wie nah, bleibt in der Schwebe.

Ein Computerexperte stellt fest, „dass ich heute durch eine nichtige Begebenheit aus dem Trott geworfen worden war“. Das ist ein wichtiges Stamm-Motiv: Man verliert den Boden unter den Füßen bzw. der Boden wird glatt. Die Geschichten in „Wenn es dunkel wird“ sind gekonnt erzählt. Aber sie besitzen nicht die Magie und die atmosphärische Dichte der “Blitzeis“-Sammlung. „Wenn es dunkel wird“ ist ein lesenswertes Buch. „Blitzeis“ bleibt der herausragende Erzählband dieses Autors.

Peter Stamm: Wenn es dunkel wird. Erzählungen. Fischer Verlag, 2020

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