Vom Wortklang behütet. Herta Müller erzählt von sich.

Herta Müllers Tischrede nach der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2009 umfasste nur zwei Seiten, aber sie umspannte ein ganzes Leben. „Der Bogen von einem Kind, das Kühe hütet im Tal, bis hierher ins Stadthaus von Stockholm ist bizarr.“ Hier zu stehen, hat für sie wohl etwas Unwirkliches. Sie blickt auf ihre Anfänge zurück: Die Mutter bestimmte die Tochter zur Schneiderin. Die Tochter entschied sich fürs Gymnasium und entdeckte die Literatur. In der kommunistischen Diktatur war Herta Müller den schlimmsten Repressalien ausgesetzt. Ohne Freunde, sagte sie in Stockholm, hätte sie diese Zeit nicht überstanden. „Ich habe viele Menschen zerbrechen sehen. Und ich war selbst am Zerbrechen.“ Auch ihre Figuren sind am Zerbrechen, sie sind beschädigte Wesen. In ihren Romanen erzählt Müller davon. Kurz vor dem eigenen Zerbrechen konnte die Autorin Rumänien verlassen. Sie habe viel Glück gehabt. Die Literatur ist ihre Rettung, obwohl sie weiß, dass Literatur nichts ändern kann. „Literatur spricht mit jedem Menschen einzeln – sie ist Privateigentum, das im Kopf bleibt. Nichts sonst spricht so eindringlich mit uns selber wie ein Buch.“ Mit diesem Gedanken endet die kurze Rede in Stockholm. Sie ist Teil des neuen Essaybandes, in dem einiges über die Schriftstellerin Herta Müller zu erfahren ist. Die Texte leuchten die Hintergründe ihres erzählerischen Werks aus, sprechen von der Angst und der Unterdrückung, von alltäglichen Demütigungen in Ceaucescus Terrorstaat, denen sie ausgesetzt war. Als sie es ablehnt, für die Geheimpolizei als Spitzel zu arbeiten, werden die Schikanen verschärft. Sie wird zu erniedrigenden Verhören bestellt (das fließt in den Roman „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ ein). Schon der erste Essay behandelt das Leben in der stalinistischen Diktatur, das keines ist. Es gibt nur eine Rettung: „Ich reagierte auf die Todesangst mit Lebenshunger. Der war ein Worthunger. Nur der Wortwirbel konnte meinen Zustand fassen.“ Die Wörter sind ihre Rettung. Auch in diesem Essay erinnert sie sich ans Kühehüten in einem rumänischen Flusstal, aber sie fügt etwas hinzu: “Ich hütete Kühe, und der Wortklang behütete mich.“ Die erschütternden Essays dieses Bandes sind nicht ganz einfach zu lesen, aber sehr ergiebig. Wer wissen will, wie der Alltag in einer stalinistischen Diktatur aussah, in der Angst und Verrat an der Tagesordnung waren, sollte zu diesem dichten Band greifen.

Herta Müller: Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel. Hanser 2011

Schreibe einen Kommentar