Als 1906 Hermann Hesses Roman „Unterm Rad“ erschien, rief er heftige Reaktionen hervor, erbittert wurde das Buch diskutiert. Ein Lehrer schrieb an den Autor: „Schopenhauer und Nietzsche sind ja Muster an Grobianen, aber gegen Sie sind sie Waisenknaben“. Gerade Lehrer sollten sich von diesem Roman angesprochen fühlen. Hesse schildert in seinem zweiten Roman ein Erziehungswesen, das auf das Brechen des Willens gegründet ist. „Wie ein Urwald gelichtet und gereinigt und gewaltsam eingeschränkt werden muß, so muß die Schule den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken“, heißt es in „Unterm Rad“. Gegen dieses Prinzip hat Hesse sein Leben lang angeschrieben.
Der talentierte und empfindsame Hans Giebenrath wird ein Opfer dieser Pädagogik. Als Hochbegabter darf der Calwer am Landexamen in Stuttgart teilnehmen. Wer bestanden hat, qualifiziert sich für die niedere Klosterschule, wo er auf das Tübinger Stift und den Lehrer- oder Pastorenberuf vorbereitet wird. Mit seiner Leistung im Examen ist Hans unzufrieden. Er ist ganz sicher, durchgefallen zu sein. Als er dann erfährt, dass er zweiter geworden ist, denkt er sich: Da hätte ich auch gleich Erster werden können. Ganz Calw ist stolz auf diesen Schüler. Dabei wird es nicht bleiben.
Hesse spaltet sich in zwei Figuren auf: in den sensiblen Musterschüler Hans Giebenrath, der leicht lernt und den Mitschülern weit voraus ist, und den rebellischen Freigeist Hermann Heilner, der wie der junge Hesse unbedingt Schriftsteller werden will. In Maulbronn, der Klosterschule, freunden sich Heilner und Giebenrath an. Da Heilner ein renitenter Außenseiter ist, sehen die Lehrer diesen Umgang nicht gern. Heilner wird aus Maulbronn fliehen, Giebenrath verliert den Anschluss. Bald ist er am Ende. Die Erzählung mündet in eine leidenschaftliche Anklage: „Und keiner dachte etwa daran, daß die Schule und der barbarische Ehrgeiz eines Vaters und einiger Lehrer dieses gebrechliche, feine Wesen so weit gebracht hatten.“ Statt dessen propagiert der Calwer Autor den Weg zu sich selbst.
Für mich ist „Unterm Rad“ Hesses berührendster Roman, ein zartes, trauriges, erschütterndes Buch, vor 115 Jahren erschienen.
