Überraschungen: Orhan Pamuks „Die rothaarige Frau“

Orhan Pamuk ist ein raffinierter Romankonstrukteur. Als ihm 2007 die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin verliehen wurde, bezeichnete man ihn als „Ausnahmeerscheinung der Weltliteratur“. Was macht ihn dazu? Bei Pamuk verbinden sich stilistische Eleganz mit profunder Bildung, Spannung mit hohem Niveau. Dafür hat er viele internationale Literaturpreise erhalten, 2006 den Nobelpreis (als erster türkischer Autor). Pamuks Romane funktionieren auf mehreren Ebenen und sind voller Überraschungen. Pamuk ist ein geborener Erzähler und ein kosmopolitischer Türke, der sich vielen Einflüssen öffnet, er lebt in einer Welt, die erfüllt ist von Geschichte und Geschichten. Seine Stadt ist sein Thema: Istanbul, eine Metropole mit über 15 Millionen Einwohnern, die rasant expandiert, größer als Paris oder London, ein unerschöpfliches Themenreservoir. „Istanbul“ hieß das Buch über sein Leben und seine Stadt.

„Die rothaarige Frau“ war sein vorletzter Roman. Es ist sicher kein Hauptwerk des türkischen Autors, aber ein kunstvoll gestrickter Teppich, bei dem alles mit allem verwoben ist, ein meisterhaft komponierter Roman. Cem will Schriftsteller werden. Der erste Satz verrät aber, dass aus diesem Traum nichts wird. Mit Gewinn arbeitet er zunächst in einer Buchhandlung. Da erhält er das Angebot, bei einem Brunnenbau mitzuhelfen, in einer Gegend nahe Istanbul. Er geht Meister Mahmut zur Hand. Dieser Mahmut wird zu einem Ersatzvater, weil Cems realer Vater verschwunden ist. Man erfährt, dass er schon als linker Aktivist im Gefängnis saß. Die Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen ist das wichtigste Thema des Roman. Früh lernt Cem eine rothaarige Schönheit kennen, an der ihm der leicht spöttische Gesichtsausdruck auffällt. Er kann sie nicht mehr vergessen: „Die Ebene, auf der wir gruben, die blassen Häuser in der Ferne, die zitternden Pappeln, die gewundene Eisenbahnlinie, alles auf der Welt kam mir plötzlich schön vor und ich ahnte, dass das irgendwie mit der hübschen rothaarige Frau zu tun hatte.“ So schön kann Pamuk über eine Verliebtheit schreiben. Die rothaarige Frau ist, wie sich herausstellt, Schauspielerin. Auch in diesem Roman vermag Pamuk seine Leser zu fesseln. Zwei offene Fragen erzeugen Spannung: Werden Cem und sein Meister in der kargen Erde Wasser finden? Was wird aus Cem und der rothaarigen Schauspielerin?

Die erste Frage sei gleich beantwortet: Cem und sein Meister stoßen nach Wochen harter Arbeit in der felsigen Erde auf kein Wasser. Da kommt es zu einem Unfall, der alles verändert.

Es ist eine Geschichte voller überraschender Wendungen, etwa: Die rothaarige Frau hat ihre Haare gefärbt, um sich eine neue Identität zuzulegen. Am Ende des Romans ist der Brunnenort Teil von Istanbul. Die um sich greifende Metropole hat ihn geschluckt. Die größten Überraschungen seien hier allerdings nicht verraten.

Im letzten Jahr wurde der türkische Friedenspreisträger 70 Jahre alt.

Orhan Pamuk: Die rothaarige Frau. Roman. Fischer Taschenbuch Verlag, 2019.

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