Sein populärster Roman – „Buddenbrooks“, ein Buchtipp zum 150. Geburtstag des Autors 

Man staunt bei jeder Lektüre: Dieser große Roman ist die Konzeption eines 22jährigen. Thomas Mann war 25 Jahre alt, als sein Debütroman erschien. Er begründete seinen internationalen Ruhm. Der „ Zauberberg“ und „Doktor Faustus“ wurden auf dieser Seite schon vorgestellt. „Buddenbrooks“, den „Verfall einer Familie“ darf man natürlich nicht übergehen. Kein anderer Roman aus der Feder des Lübecker Nobelpreisträgers liest sich so leicht, sieht man mal von den ersten Seiten ab, die von einer verwirrenden Fülle an Figuren bevölkert sind.

Nach der ersten Lektüre sagte der Lektor des Fischer-Verlags, der Roman sei zu dick, man müsse energisch kürzen. Dazu war Thomas Mann nicht bereit, zu seinem und unserem Glück.

Thomas Manns Laufbahn beginnt in Lübeck. Aus der Geschichte seiner Familie macht er seinen ersten Roman, „Buddenbrooks“, ein großes Buch, mit dem der deutsche Roman Anschluss an die Weltliteratur fand. Der Familienroman ist ein Gesellschaftsroman, so gelungen im Großen wie im Kleinen.  Jede Figur hat ein eigenes Gesicht und eine eigene Stimme.

Thomas Manns Vater war Steuersenator, ein mächtiger Mann im Mikrokosmos der Hansestadt. Er stand der Getreidefirma Mann vor. Säcke mit dem Namen der Familie werden durch die Stadt transportiert. In einer großen Szene wird Thomas Buddenbrook zum Senator seiner Vaterstadt gewählt.  Überhaupt hält der Familienroman viele große Szenen bereit, besonders beklemmend sind die Sterbeszenen.

Der Literaturhistoriker Samuel Lublinski bemerkte: „Das Buch wird wachsen mit der Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden.“ Ein prophetischer Satz. Bis heute sind „Buddenbrooks“ der beliebteste Roman von Thomas Mann. Nicht für den „Zauberberg“, für „Buddenbrooks“ erhielt Thomas Mann 1929 den Literaturnobelpreis. Der Thomas-Mann-Biograph Klaus Harpprecht war überzeugt: „Buddenbrooks“ seien der schönste deutsche Roman des 20. Jahrhunderts. Die Sprache der „Buddenbrooks“ werde bleiben.

„Ein Werk ganz ohne Überhebung des Schriftstellers“,   urteilte der Kollege Rainer Maria Rilke. In der Tat, Thomas Mann lässt sich von seinem Stoff tragen, er ordnet sich seinen Figuren unter. Der Autor beherrscht nicht seine Figuren, seine Figuren beherrschen ihn. Sie sind keine Ideenträger, sondern Wesen aus Fleisch und Blut. Thomas Manns Stärke sind die Dialoge.

Die Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern Thomas und Christian nehmen großen Raum ein. Das Bruderproblem habe ihn immer gereizt, bemerkte Thomas Mann einmal. Thomas Buddenbrook ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, sein jüngerer Bruder Christian, der wie sein Erfinder Thomas Mann eine Gabe zur Karikatur hat, hält sich lieber im Theater auf. Schon der kleine Sproß macht von sich reden, indem er einer bewunderten Schauspielerin Blumen zukommen lässt. Davon spricht die ganze Stadt. Auch später bringt Christians Verhalten die Familie ins Gerede, für Thomas gibt es nichts Schlimmeres. An Weihnachten vergisst Christian fast das Fest, die Mutter ist fassungslos. Christian ist die Parodie eines Künstlers. Unaufhörlich bespiegelt er sich selbst, zu einer geregelten bürgerlichen Tätigkeit ist er nicht in der Lage.  

Die Geschwister Antonie und Thomas Buddenbrooks haben eines gemeinsam: Sie dürfen nicht die Menschen heiraten, die sie lieben, Tony nicht den Medizinstudenten Morten Schwarzkopf aus Travemünde, Thomas nicht das kleine Blumenmädchen Anna. Ihre Partner werden danach ausgewählt, ob sie die Familie und die Firma voranbringen können. Was für die Familie gut ist, ist für die Firma gut, und was für die Firma gut ist, ist für die Familie gut. Die naive Tony hat mit ihren Partnern Pech: der erste ist ein findiger Bankrotteur, der zweite ein biederer Hopfenhändler aus Bayern, den sie bei einem Seitensprung ertappt. Ihr Schwiegersohn entpuppt sich als Betrüger und wandert ins Gefängnis. Thomas Buddenbrook erobert die kühle, musikalische Gerda aus reichem Amsterdamer Haus, eine glänzende Partie.

Eigentlich wollte Thomas Mann die Geschichte des hoch sensiblen, musikalisch veranlagten „Verfalls-Prinzen“ Hanno schreiben, er bezeichnet ihn als „sensitiven Spätling“.  Aber dann entdeckt er, dass man die Vorgeschichte kennen müsse. Also begann er mit den Urgroßeltern des Knaben. Mann sprach vom „Eigenwillen des Werks“.

Ein Höhepunkt des Romans ist die Schilderung eines Tages aus dem Leben   Hanno Buddenbrooks und seines Freundes Kai Graf von Mölln. Man befindet sich in der Zeit des Wihelminismus. Der Schulleiter ist ein Machtmensch, eine gefürchtete Instanz. Kai und Hanno nennen ihn „den lieben Gott“. Wie Thomas Mann ist auch Hanno Buddenbrook ein gescheiterter Schüler. Thomas Mann blieb drei mal sitzen, Hanno mindestens einmal. Hanno liebt es, am Flügel zu improvisieren, Kai erfindet gerne Geschichten.

Glücklich ist Hanno im Theater: Wagners „Lohengrin“ hat es ihm angetan. Eine Tortur sind die Zahnarztbehandlungen: Thomas und Hanno haben wie Thomas Mann brüchiges Zahnwerk. Die Opernbesuche sind eine Belohnung für die aufreibenden Sitzungen beim Zahnarzt Dr. Brecht, der mit seinen Patienten leidet.  Schon am Anfang des Romans tauchen schadhafte Zähne auf, eines von vielen Leitmotiven, die Leitmotiv-Technik hat Thomas Mann vom bewunderten Vorbild Richard Wagner übernommen und auf den Roman übertragen. Hinzu kommt Manns feine Ironie.

Die Musik ist Hanno wichtiger als die Schule, er weiß, dass er die Leitung der Getreidefirma vom Vater nicht übernehmen wird. Als er beim hundertjährigen Firmenjubiläum ein Gedicht rezitieren soll, versagt er kläglich. In der Familienchronik macht er unter seinem Namen einen Strich. Der Vater stellt ihn zur Rede. Was er sich dabei gedacht habe? „Ich dachte, ich dachte, es käme nichts mehr.“ Thomas Mann bezeichnete Hanno als „Verfalls-Prinz“. Aber auch sein Vater Thomas wird nicht alt.

 „Buddenbrooks“ sind ein Schlüsselroman: Zu jeder Figur gibt es ein reales Vorbild. Unbekümmert bedient sich der Autor bei den Geschichten und  Personen seiner Vaterstadt. Lübeck hat das seinem berühmtesten Sohn lange nicht verziehen. Als Thomas Mann kurz vor seinem Tod zum Ehrenbürger der Hansestadt gewählt wurde, geschah das mit ganz knapper Stimmenmehrheit. Erbost war der Onkel Friedel über sein Porträt als liebenswürdig-vertrottelter Onkel Christian.  Er setzte eine Annonce in die Zeitung: „Ein trauriger Vogel, der sein eigenes Netz beschmutzt“.

In seinen „Buddenbrooks“ hält sich der junge Thomas Mann an die Realität. Trotzdem bzw. deshalb ist es ein wunderbares Buch.

Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Fischer Verlag, 2025. 848 Seiten, 18 Euro.

Im Thomas Mann-Jahr erscheint eine Prachtausgabe vom „Lieblingsbuch der Deutschen“: 125 Jahre „Buddenbrooks“ im Schmuckschuber mit Goldprägung – dazu ein reich bebildertes Begleitheft über die Geschichte des Romans,  lieferbar ab 29. 10. 2025. Diese Sonderausgabe hat ihren Preis: Sie kostet 68 Euro.

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