Prof. Häckers Vermessung einer Romanwelt

Gespannte Erwartung. Im holzverkleideten Sälchen des Chorherrenhaus Sindelfingen wird es eng, denn es soll um einen großen Roman gehen. An diesem Abend referiert Prof. Roland Häcker, ehemals 16 Jahre Schulleiter des Goldberg-Gymnasiums Sindelfingen und Lehrer für Deutsch und Religion, danach Direktor des Deutschen Seminars in Stuttgart. Es ist sein Debüt beim Literaturklub. Er stellt Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ vor, eines der erfolgreichsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Der Roman begann seinen Siegeszug um die Welt im Jahr 2005, war das Meisterstück eines jungen Autors, „von dem wir uns viel erhoffen“, wie Roland Häcker sagt. Der Erfolg ist einfach zu erklären: Der Roman verbindet Klarheit mit Spannung und Phantastik und ist auf vielen Ebenen zu lesen: Er beginnt wie ein historischer Roman, ist aber gleichzeitig ein Abenteuer- und Entwicklungsroman, voller kurzer Geschichten, amüsanter Begegnungen, philosophischer Gedanken und politischer Schlaglichter.

Im Mittelpunkt stehen zwei geniale Wissenschaftler, die wirklich gelebt haben: der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt. Und weil an einem Roman nichts so wichtig ist wie der Anfang, beginnt Häcker mit dem Anfang. In den ersten Zeilen fallen die Namen der beiden Helden, das Genie Gauß tritt hier als infantiles Wesen auf, das glaubt, die Frau vor ihm verschwände, wenn er die Augen zukniffe. Gauß will nicht sehen. Häcker bringt es auf den Punkt: „Ein großer Mann wird ganz klein gemacht.“ Das ist Kehlmanns Verfahren: Er demontiert Legenden, zeigt, wie kauzig Genies sein können. Skurril ist auch von Humboldt: Sein Forschungsdrang macht ihn blind. Beide Genies, pointiert Häcker, sind weltfremd, obwohl voller Wissen. Das ist natürlich auch ein Klischee: das weltfremde Genie.

Der Erzähler Kehlmann beschäftigt sich zwar mit realen Figuren, kümmert sich aber nicht um Fakten. Er erfindet hinzu, dichtet um. Häcker: „Mein Schwager ist von dem Roman völlig frustriert, weil so wenig stimmt.“ Aber, so Häcker: Kehlmann will Geschichten erzählen und nicht Geschichte. „Die Literatur bildet die Wirklichkeit nicht ab, sie ist eine Welt für sich.“

Es ist eine spannende Doppelstunde: Schritt für Schritt entwickelt Häcker seinen Stoff, er zeigt anschaulich, wie raffiniert, wie kunstvoll dieser Roman gebaut ist. Zwischen den Interpretationen liest Wolfgang Völzke, ehemals Konrektor der Realschule Hinterweil in Sindelfingen, Passagen aus dem Roman vor, es können Fragen gestellt werden. Es ist ein wenig wie Schule, nur viel spannender. Schwieriges wird verständlich gemacht: So wird der Begriff Intertextualität erklärt: Unzählige Texte sind in diesen Text eingegangen. Aber das ist nur ein Verfahren Kehlmanns. Häcker zeigt, wie Kehlmann mit Ironie, Parodie, Verknappung und Zeitsprüngen arbeitet. Er weist auf die kunstvollen Motivverknüpfungen hin, und darauf, dass im ganzen Roman kein einziges Mal die wörtliche Rede gebraucht wird.

Häcker bleibt bei den Helden, ihrer Weltfremdheit. Die offenbart sich sogar in Gaußens Hochzeitsnacht: Gauß hat einen genialen Einfall, eine bahnbrechende Entdeckung, und das lässt ihn die Frau vergessen, die ihm viel näher sein sollte. Das eigene Fach ist wichtiger als die Menschen der Umgebung. Beide Helden: Gauß und Humboldt wollen als Wissenschaftler die Welt vermessen, was im übrigen vermessen ist, so Häcker. Für beide ist Genauigkeit alles. Dem Erzähler Kehlmann dagegen ist Genauigkeit ziemlich egal. Kehlmann betreibt, was Gauß und Humboldt verachten: Er erfindet Geschichten und inszeniert dabei ein großes Spiel. Das Wort Spiel ist zentral: Kehlmann spielt mit Fakten, Figuren, Geschichten und zuletzt auch mit dem Leser. Diese Erkenntnis kann man aus Häckers Vortrag ziehen. Natürlich überzieht der Pädagoge etwas, aber kein Besucher verlässt den Saal, man hört gebannt zu. Man muss den Roman übrigens nicht kennen, um mit Gewinn zu folgen. Häcker deutet die Komplexität des Buches an und regt damit zum erneuten Lesen an. Bei der ersten Lektüre habe er nichts mit dem Roman anfangen können, sagte Wolfgang Völzke danach. „Jetzt halte ich ihn für einen der besten Romane der letzten Jahrzehnte.“ Völzke hat den Literaturklub vor vielen Jahren gegründet: im Februar 1993. Eine kleine Gruppe von Literaturfans wollte sich gerne regelmäßig mit Büchern beschäftigen und so wurde der Club als Sektion von InterKultur gegründet. Man traf sich an jedem dritten Montag im Monat und besprach Literatur, die zuvor zu Hause gelesen wurde. Diesen ehrwürdigen Club möchte man jetzt wiederbeleben. Roland Häcker hat einen Anfang gemacht.

Am heutigen Montag feiert Kehlmann seinen 50. Geburtstag. 

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008. 304 Seiten, 13 Euro.

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