Philip Roths Meisterwerk „Der menschliche Makel“

2012, wenige Jahre vor seinem Tod, gab Philip Roth bekannt, dass er das Schreiben aufgeben werde. Ein ungewöhnlicher Schritt für einen so produktiven Schriftsteller. Hatte er alles gesagt? Es war der Schlusspunkt eines überaus fruchtbaren Schriftstellerlebens, das ihm die wichtigsten Literaturpreise eintrug und ihn zum Kandidaten für den Nobelpreis machte, den er unbedingt verdient gehabt hätte. In einem Offenen Brief des Journalisten Michael Bourne an die Schwedische Akademie hieß es: „Können wir bitte mit dem Unsinn aufhören und Philip Roth endlich den Literaturnobelpreis verleihen, bevor er stirbt.“ Vergebens.

Der späte Roman „Der menschliche Makel“ ist so ein Werk, für das die wichtigsten Literaturpreise geschaffen sind. Perfekt greifen die unterschiedlichen Geschichten dieses Romans ineinander: Ein pensionierter Literaturprofessor, Coleman Silk, hat eine Affäre mit einer analphabetischen Putzfrau, die 37 Jahre jünger ist. Der Erzähler, Nathan Zuckermann, hat sich wie sein Erfinder Philip Roth von der Welt zurück gezogen. In der Einsamkeit eines abgelegenen Dorfes konzentriert er sich ganz auf sein Werk. Hier lernt er den Professor kennen, und eine Freundschaft entwickelt sich.

An einem lauen Sommerabend tanzen sie zusammen, zwei alte Männer, eine von vielen großen Szenen. Silk war Dekan am Athena College und trieb die Modernisierung der Hochschule voran. Wegen einer unbedachten Formulierung wird ihm Rassismus vorgeworfen. Verbittert nimmt er seinen Abschied.

Silk hat über 50 Jahre ein Geheimnis gewahrt. In Wirklichkeit ist er ein Farbiger. Aber seine Haut ist so hell, dass niemand das auffällt. Deshalb gibt er sich als weißer Jude aus. Nicht einmal seine Frau erfährt etwas von seinem Geheimnis. Das Verhältnis mit der deutlich jüngeren Putzfrau belebt ihn. „Was ihn an sie bindet, ist der Kitzel. Morgen hat er vielleicht Krebs, und das war´s dann. Aber heute hat er den Kitzel.“

Roths Sprache verbindet Präzision mit Schönheit. Roth ist ein höchst intelligenter Erzähler, der es mit der Gegenwart der USA aufnimmt. Niemand ist dichter am Leben dran als er. Gleichzeitig ist er ein hoch reflektierter Autor, der die Literaturgeschichte kennt. Roth zitiert den „Tod in Venedig“: Wie Gustav von Aschenbach erlebt Coleman Silk „ein spätes Abenteuer des Gefühls“. Der Roman setzt 1998 ein. Das Thema des Jahres ist die Affäre des US-Präsidenten Bill Clinton und der Praktikantin im Weißen Haus Monica Lewinsky. Und das Verhältnis zwischen dem alten Literaturprofessor und der 37 Jahre jüngeren Putzfrau ist Roths Thema. Manche Leser/innen finden es abstoßend, dass Roths alternde Helden von Sexualität besessen sind. Aber der Erzähler fragt, wieso sich alte Männer den Konventionen beugen sollen. Wieso sollen sie ihren Neigungen nicht nachgeben? Roth macht aus diesem Thema einen großen Roman.

Was kann man von Roth lernen? Figuren müssen leben. Jede erhält ein eigenes Gesicht und spricht auf eine Weise, dass man sie vor sich sieht. Viele Figuren machen einiges mit. Vor allem die Putzfrau Faunia Farley ist vom Leben gezeichnet. Das gilt auch für ihren Ex-Mann Lester Farley, der zwei Mal als Soldat in Vietnam war, schwer traumatisiert und völlig abgestumpft ist. Die Ehe mit ihm war die Hölle.

Es gibt auch Unglaubwürdiges in diesem Roman: Wie kann der Schriftsteller Zuckermann so viel über das Innenleben der von Ehrgeiz getriebenen Literaturprofessorin Delphine Roux wissen, da er sie doch nur aus Erzählungen Colemans kennt? Die einsame junge Frau schreibt eine Kontaktannonce, versendet sie aber aus Versehen an ihre Universitätskollegen und nicht an die Zeitung. Auch in der Biographie Lester Farleys kennt sich Zuckerman zu gut aus. „Der menschliche Makel“ ist ein großer aufwühlender Roman über das Amerika unserer Zeit. Er endet mit einer großen Szene auf einem vereisten See.

Im letzten Jahr wäre Roth neunzig Jahre alt geworden. Der große Romancier verstarb 2018 in Manhattan.

Philip Roth: Der menschliche Makel. Rowohlt Taschenbuch, 2003.

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