Ein deutscher Schriftsteller reist nach St. Louis am Mississippi, um Abstand zu gewinnen zur Trauer um den verstorbenen Vater, der immer für ihn da war und nun verschwunden ist. Aber die Gedanken an den Vater begleiten ihn. Weit entfernt von der Heimat stößt er auf die Geschichte seines Vaters. Mit der vorwitzigen Tochter eines Freundes unternimmt er eine Reise auf dem Mississippi nach New Orleans. Suggestiv beschreibt er den gewaltigen Strom. Unwillkürlich tauchen Erinnerungen auf: Der Vater unternahm mit dem Sohn zahlreiche Wanderungen, den Rhein oder die Mosel entlang. Jahrzehnte später wird Ortheil die Reisenotizen veröffentlichen, die von einer literarischen Frühbegabung zeugen.
Der Vater, ein Landvermesser, schulte die Beobachtungsgabe und Schreibfähigkeit des Sohnes, wies ihn immer wieder auf unscheinbare Details hin. Auf die Details achtet der Schriftsteller auch auf seiner Amerikareise. Als man sich New Orleans nähert, stellt er fest: „Ich war vernarrt in die Farben des Ufers, all diese wahnwitzig überdeutlichen Details.“ An dieser Stelle fragt man sich allerdings: Warum beschreibt Ortheil die Details nicht, wenn sie so überdeutlich sind?
Das genaue Schauen hilft ihm, sich selbst und seine Trauer zu vergessen. New Orleans ist eine Stadt im Zwischenbereich zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Hier entdeckt er den Jazz. Als ihm New Orleans zu viel wird, flüchtet er weiter nach Santa Domingo. Dort findet er zum Schreiben zurück.
Der Roman spielt mit und auf zwei Ebenen: der Schriftsteller schildert seine Amerika-Reise, und er erforscht die Geschichte des Vaters. „Abschied von den Kriegsteilnehmern“ ist nicht nur ein Roman über einen Schriftsteller in der Krise, sondern vor allem ein Vaterbuch: Der Vater war ein Mann von Format. Von Anfang an war er gegen den Krieg und hatte sich vorgenommen, auf keinen Menschen einen Schuss abzugeben. „Vater hatte den Krieg verflucht und das, was der Krieg anrichtete unter Menschen.“ Er entkommt dem Krieg. Nach Kriegsende legt der Vater an zwei Krücken den weiten Weg von Berlin nach Köln, in die Heimat, zurück. Die Mutter hat vier Söhne verloren und darauf mit Verstummen reagiert. Auch dieses Motiv ist Ortheils Leben entnommen und wird im Werk öfter aufgegriffen. Aber nicht nur die Mutter ist verstummt, auch ihr einziges Kind Hanns-Josef spricht zunächst nicht, trotzdem wird er später Schriftsteller. Als dann der erste Roman („Fermer“) erscheint, lässt der Vater nur die Naturschilderungen gelten, „den ganzen Rest hätte ich fortlassen sollen“. Stark sind im Vaterbuch die Beschreibungen der Natur, des gewaltigen Mississippi etwa.
Der Roman ist in einer flüssigen, klaren, biegsamen Sprache geschrieben. Wer mehr über Ortheils Geschichte erfahren möchte: vom Weg des stummen Kindes über den Pianisten bis zum Schriftsteller, sollte unbedingt, als Ergänzung des Vaterbuchs, sein Hauptwerk lesen: „Die Erfindung des Lebens“. Dieser Roman wurde als „Buch seines Lebens“ bezeichnet, und das ist es auch. Es steckt viel Ortheil in diesem Roman: seine Liebe zu Rom und zur Musik, sein Schweigen und seine Sprachbesessenheit, die Anfänge des Schriftstellers, die Verehrung der Eltern, die Leidenschaft des Unterrichtens.
Aber auch „Abschied von den Kriegsteilnehmern“ enthält viel von Ortheil.
Am fünften November feierte Ortheil seinen 70. Geburtstag.
Hanns-Josef Ortheil: Abschied von den Kriegsteilnehmern. Roman, BTB Taschenbuch, 2005.

