Dieser große Roman ist ein kleines Wunder. Man staunt über die Schönheit der Sätze und die Sinnlichkeit der Szenen. Dem Anfang von Orhan Pamuks Roman „Das Museum der Unschuld“ wohnt ein Zauber inne: Auf einer muffigen Matratze liegt ein Liebespaar, durch das offene Fenster weht eine Frühlingsbrise herein, die nach Meer und Lindenblüten duftet. Der erste Satz zieht einen gleich in den Romanstrom hinein. „Es war der glücklichsten Augenblick meines Lebens, und ich wusste es nicht einmal.“ Eines der häufigsten Wörter dieses Romans ist „Glück“.
Kemal ist ein reicher und erfolgreicher Unternehmer in Istanbul. Seine Verlobung mit Sibel steht unmittelbar bevor. Da lernt er die hübsche Füsun kennen und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Auf Sibel freilich will er nicht verzichten, die Verlobung wird nicht abgesagt. Auf der Feier taucht der Romanautor Orhan Pamuk auf. Er tanzt mit Füsun. Am Romanende erfährt man, warum.
Durch die Verlobung mit Sibel verliert Kemal Füsun. Plötzlich ist sie verschwunden. Da wird Kemal bewusst, dass er trotz der attraktiven Sibel an seiner Seite ohne Füsun nicht leben kann. Er betreibt förmlich einen Füsun-Kult und verstört damit seine Verlobte. Sie schickt ihm schließlich den Verlobungsring zurück.
Als sich Füsun nach langer Zeit bei ihm meldet, will er sie besuchen, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. In ihrem Haus stellt sie ihm ihren Ehemann vor, einen angehenden Filmregisseur. Kemal gibt Füsun nicht auf. Zur Erinnerung an sein Glück mit Füsun sammelt Kemal Gegenstände, die mit ihr verbunden sind. Es sind Gegenstände aus ihrem Alltag, die er mitgehen lässt, wenn er abends ihre Familie besucht. Kemal bereist die Welt und sucht überall Museen auf, um sich inspirieren zu lassen, er kommt sogar nach Stuttgart, um im Alten Schloss eine Ausstellung zu besichtigen. In Istanbul gründet er schließlich das „Museum der Unschuld“, mit den Gegenständen, die (ihn) an Füsun erinnern. Ein Museum bewahrt Vergangenheit auf, das verbindet es mit dem Roman.
Dieser Roman spielt ausschließlich in Istanbul, einer Stadt zwischen westlicher Lebensform und östlicher Tradition, Orient und Okzident begegnen sich hier. Gerade die Oberschicht orientiert sich stark am westlichen Europa.
Pamuk schreibt: „Dieser Roman hat mich viel Mühe gekostet. Er beinhaltet alles, was ich im Leben kennengelernt und gesehen habe. Mit Leben meine ich das Leben in Istanbul, in meiner Ecke der Welt.“ Pamuk bemüht sich um einen kultivierten Stil, aber gelegentlich unterlaufen ihm sprachliche Klischees: Kemal fühlt sich mehrmals „wie das fünfte Rad am Wagen“. Füsun sitzt einmal da „wie ein begossener Pudel“. Junge Leute „rauchen, was das Zeug hält“.
Es gibt aber auch Feinheiten: Der Lindenblütenduft durchzieht als Leitmotiv den Roman. Da hat man wohl an Proust zu denken.
Dass Pamuk ein großer Roman-Konstrukteur ist, erweist sich spätestens am Ende. Im letzten Kapitel kommt es zu einer Begegnung zwischen Kemal und Orhan Pamuk. Kemal bittet den berühmten Autor, seine Geschichte aufzuschreiben.
Das „Museum der Unschuld“ ist eine große, aufwühlende Liebesgeschichte, die
traurig endet. Der erste und der letzte Satz aber handeln vom Glück.
Es finden sich sehr viele Glücksmomente in diesem dicken und dichten Roman, auch für den Leser.

Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld. Roman. Fischer Taschenbuch, 2010.