Sie war eine Frau, die große Geister unwiderstehlich anzog. Nietzsche, Rilke und Freud schätzten sie als ebenbürtige Gesprächspartnerin und widmeten ihr viel Zeit. Sie besaß einiges Selbstbewusst-sein: Rilkes frühe Gedichte beförderte sie in den Papierkorb, zahlreiche Heiratsanträge, darunter den Nietzsches, lehnte sie ab. Mehr als die Männer liebte sie ihre Freiheit. Selbst einen Geistlichen brachte sie um den Verstand, der Pastor wollte um ihretwillen Frau und Kinder verlassen. Sie war in jeder Hinsicht eine attraktive Erscheinung. Ihr Name: Lou Andreas-Salomé
Nietzsche begegnet ihr zum ersten Mal in einem Kirchenraum, im Petersdom in Rom, das war 1882. Der Freigeist und die Philosophin merken schnell, dass sie sich geistig auf einer Wellenlänge bewegen und einander etwas zu sagen haben. Mit dieser Begegnung in Rom beginnt die Andreas-Salomé-Biographie von Kerstin Decker. Nietzsche fragt pathetisch: „Von welchen Sternen sind wir hier einander zugefallen?“ Lou fällt als erstes seine Einsamkeit auf. Nietzsche wirbt um sie.
Sie kommt aus St. Petersburg. Ihr Vater war der Gründer der deutsch-reformierten Kirche in Russland. Die Tochter weigert sich, sich konfirmieren zu lassen, auch in religiösen Fragen demonstriert sie ihre Unabhängigkeit. Sie geht nach Zürich, weil dort Frauen zum Studium zugelassen sind. Später hat sie über die Männer in ihrer Nähe ausführlich geschrieben. Und einige Männer schrieben auch über sie, etwa Rainer Maria Rilke: „Du warst das Zarteste, das mir begegnet/ das Härteste warst Du, damit ich rang,/ Du warst das Hohe, das mich gesegnet – /und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.“ Hier wird sie sichtbar als Femme Fatale.
Die Lektüre dieser Biographie fordert etwas Aufmerksamkeit, da sie nicht ganz geschmeidig geschrieben ist. Die Lektüre-Anstrengung lohnt sich aber: man lernt eine schillernde Figur näher kennen. Eine befreundete Schriftstellerin schrieb: „Ihnen begegnet zu sein, ist das Ereignis meines Lebens!“ Lou Andreas-Salomé war eine scharfsinnige Philosophin, eine sensible Schriftstellerin, ein unabhängiger Geist und eine ungewöhnliche Frau.

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke ich. Ullstein Taschenbuch, 2012