Der US-amerikanische Romancier John Updike war nicht nur ein Meister der Kurzgeschichte, sondern auch ein flott und frech schreibender Literaturkritiker. Über den südamerikanischen Kollegen Gabriel García Márquez äußerte er sich voller Respekt: Er sprach in einem Aufsatz von den „Wundern“ von Márquez´ „Meisterwerk“, und meinte damit „Hundert Jahre Einsamkeit“. Die Themen des Kolumbianers sind schon hier zu finden: die Einsamkeit einzelner Menschen und die Einsamkeit eines ganzen Kontinents.
Der Kolumbianer Márquez war einer der großen und unverwechselbaren Erzähler des 20. Jahrhunderts. Er hat die Weltliteratur mit seinen wuchernden Romanen und farbigen Erzählungen bereichert. Natürlich will man etwas zu den Hintergründen seines Werks erfahren.
Eine Zugreise in die Vergangenheit, die er mit der Mutter unternimmt, steht am Anfang der Memoiren. Sie wollen das so bedeutsame Haus der Großeltern in Aracataca verkaufen. Die Eltern sind ent-täuscht, dass Gabriel sein Jurastudium abgebrochen hat. Aber er hat nur eines im Sinn: Er will Schriftsteller werden. Von seinen Zeitungshonoraren kann der 23-Jährige freilich kaum leben. Er träumt davon, große Reportagen zu schreiben. Reportage und Roman liegen für den jungen Márquez ganz dicht beieinander. Tatsächlich sollte er beides in seinem Werk verbinden: Er schrieb anschaulich, genau und spannend wie ein Journalist und mit der Imaginationskraft eines Romanciers. So wurde er zu einem Klassiker der südamerikanischen Literatur.
Laut Wikipedia ist Márquez der bedeutendste Vertreter des „Magischen Realismus“. Wie wird man ein wunderbarer Autor? Indem man die Wirklichkeit möglichst genau erfasst und mit Phantastischem anreichert. Alltägliches und Wunderbares: Realität und Phantastik sind bei Márquez dicht verwoben. Als Leser fragt man sich: Wie sah die Realität aus?
Er berichtet von einer ereignisreichen Kindheit und Jugend und ungewöhnlichen Menschen. Er ist das älteste von elf Kindern und wächst zunächst bei den Großeltern auf. Das Beste aus seinem Werk, erfährt man, stammt aus seinem Leben. Manche tatsächliche Episode, die in den Memoiren geschildert wird, liest sich wie erfunden.
Er ist von schillernden Charakteren umgeben. So gelingen ihm eindrucksvolle Porträts. „Tante Petra war schlank und leichtfüßig, hatte eine Haut wie welke Lilien. Das jungmädchenhafte Leuchten ihrer grünen, durchsichtigen Pupillen, änderte sich je nach Stimmung.“
Diese Autobiographie ist souverän komponiert, nach und nach geht es einem auf. In diesen Erinnerungen ist der Autor nicht immer ein Zauberer, aber immer ein gewissenhafter Chronist. Der Erzählfluss gleicht einer unendlichen Melodie. Der Kolumbianer war ja auch hoch musikalisch. Es kommt aber noch etwas hinzu: Er verfügt über viel Witz. Er schmunzelt nicht nur über andere, sondern auch über sich selbst.
Der junge Márquez besitzt ein brillantes Gedächtnis: in kürzester Zeit kann er die längsten Gedichte auswendig. Gabriel wächst in einer poesiebesessenen Zeit auf. Das hat seinen Stil geprägt. Von seinen Eltern konnte er lernen. Sie waren vorzügliche Erzähler.
Wer bin ich eigentlich?, ist die Frage, die sich die meisten Autobiographen stellen. García Márquez hat darauf keine Antwort. Eines aber steht fest: Er ist ein vitaler und unbekümmerter Fabulierer, ohne Scheu vor Klischees. „Ich fühlte mich wie vom Blitz getroffen“, heißt es einmal. Oder: „Mir standen die Haare zu Berge.“ Oder: „Mir blieb die Luft weg.“
Manchmal formuliert er etwas reißerisch: wenn er vom „Prankenschlag des Wahnsinns“ spricht. Über manche Sätze wundert man sich: „Das Herz machte zuerst einen Satz, dann ich.“ Überhaupt spricht er gerne von den Herzen der Figuren: „Sie konnte ihr Herz kaum im Zaum halten.“ Der Briefkopf eines renommierten Verlags lässt das „Herz gefrieren“. Etwas später macht „das Herz einen Sprung“.
Márquez formuliert gerne salopp. Vielleicht hat der Kolumbianer den locker-unbeschwerten Stil bewusst gewählt, um ein großes Publikum zu erreichen. Startauflage seiner Memoiren: eine Million Exemplare
Man sollte sich an die magischen Momente halten: Der junge Márquez kehrt nach Jahren zur Familie zurück. Im Haus gibt es einen Stromausfall: „Die älteren Geschwister erkannte ich an den Stimmen, die Kleinen hatten sich jedoch seit meinem letzten Besuch derart verändert, dass ihre riesigen, traurigen Augen mir im Kerzenlicht unheimlich waren.“
Die Erinnerungen enden mit dem Abschied von Kolumbien. Im Flugzeug schreibt der junge Schriftsteller an Mercedes, seine spätere Frau: „Wenn ich in einem Monat keine Antwort auf diesen Brief erhalten habe, bleibe ich für immer in Europa.“ An seinem ersten Tag in Genf hat er eine Antwort.
Gabriel García Márquez: Leben, um davon zu erzählen. Verlag Kiepenheuer und Witsch, 2002.
