Kurzeck vermisst eine Landschaft – Peter Kurzecks Roman „Vorabend“

Große Schriftsteller können die Zeit dehnen: Sie können aus einem einzigen Tag einen Riesenroman machen, an dem man tagelang oder sogar wochenlang liest. Bei James Joyce war das der 16. Juni 1904. Die Schilderung dieses einzigen Tages in Dublin ergibt in manchen Ausgaben annähernd 1000 Seiten. Peter Kurzeck, Jahrgang 1943, arbeitete lange Jahre an einem noch umfangreicheren Projekt:  Aus einem Jahr seines Lebens (1984) machte er einen Romanzyklus, der am Ende 12 Bände umfassen sollte. Realisiert hat er sieben. 2013 ist er im Alter von 70 Jahren in Frankfurt am Main verstorben.

Allein der fünfte Roman des Zyklus „Vorabend“ umfasst  über  1000 Seiten.  Peter Kurzeck tritt hier als Peter Kurzeck auf. Der Roman beginnt für den Schriftsteller deprimierend: er verliert seine Halbtagsstelle in einem Antiquariat. Vom Schreiben allein kann er nicht leben. Aber er kann schreiben: Kurzeck erfindet nichts, sondern er findet die Stoffe in seiner Welt. Er kehrt erzählend zurück in die Vergangenheit, da er merkt, dass sie am Verschwinden ist. Neubaugebiete werden aus dem Boden gestampft, überall schießen Supermärkte und Discounter aus der Erde, Wege werden geteert, Autobahnanschlüsse geschaffen. Das alles verändert das Gesicht der Provinz. Eine Landschaft verschwindet. Das Motto des Romans lautet: „Die ganze Gegend erzählen, die Zeit.“ Akribischer kann man eine kleine Welt nicht vermessen, eine Handlung ist nicht auszumachen, es wird weniger erzählt als beschrieben: eine Landschaft. Kurzeck ist ein musikalischer Schilderer, der sich viel Zeit nimmt. Man muss öfter an Gustav Mahler denken: Eine Sinfonie soll die ganze Welt umfassen, forderte der. Dieser Roman umfasst die ganze Welt, die Welt Peter Kurzecks. Kurzeck ist ein geborener Erzähler, der keine Scheu vor Selbstbespiegelung hat.

  Wikipedia: „2007 erschien Ein Sommer, der bleibt, ein Projekt mit Kurzeck in der Rolle des Erzählers. Ohne Manuskriptvorlage erzählte er hier von den Jahren seiner Kindheit; der Rezipient erhielt somit die seltene Möglichkeit, Zeuge von Literaturentstehung zu werden.“

 Jeder große Schriftsteller hat Autoren, die für ihn wichtig sind. Im Fall von Kurzeck sind es wohl James Joyce, Arno Schmidt und Uwe Johnson. Jedenfalls bedient sich Kurzeck ähnlicher Erzählverfahren wie sie.

 Die Schriftstellerin und Kritikerin Elke Schmitter bezeichnete ihn als „Proust der Bundesrepublik“. Natürlich gibt es Unterschiede: mit seinen Kürzestsätzen reicht der Hesse Kurzeck nicht an die Endlosschleifen des Franzosen heran. Aber gemeinsam ist beiden Romanciers die minutiöse, nuancenreiche Beschwörung der Vergangenheit.  Als Leser braucht man Geduld, manche Abschnitte sind eine Geduldsprobe. Aber die Anstrengung lohnt sich. Peter Kurzeck ist einer der  unbekanntesten Meister der deutschen Sprache, trotz vieler Literaturpreise.  

Peter Kurzeck: Vorabend. Roman. Schöffling & Co, 2019.

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