Der in Berlin lebende Schriftsteller und Übersetzer Michael Kleeberg ist ein bedeutender Proust-Kenner, hat er doch die ersten zwei Teile des Riesenromans „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ins Deutsche übertragen. Anlässlich von Prousts 100. Todestag am 18. November veröffentlichen wir ein Interview mit Michael Kleeberg.
Herr Kleeberg, warum sollte man heute Proust lesen?
MK: „Man sollte“ hat nichts mit Literatur zu tun. Man sollte abnehmen und im allgemeinen freundlicher zu seinen Mitmenschen sein. Große Literatur dagegen ist ein permanentes Angebot, sein Leben zu bereichern. Das galt gestern, gilt heute und wird morgen gelten.Der Schriftsteller Alain de Botton gab einem Buch den Titel “Wie Proust Ihr Leben verändern kann“. Hat er Ihr Leben verändert?
MK: Mein Leben so wie andere große Literatur, indem, wie Hemingway sagte, das Gelesene zur eigenen Erfahrung wird. So gehören die ‚petite phrase‘ der Vinteuil-Sonate, die Kirchtürme von Martinville, der Pickel auf der Nase der Princesse de Laumes und der Flieder im Garten von Swann heute zu meinen Erinnerungen. Aber Proust hat vor allem mein Schreiben verändert: Wie, das kann der geneigte Literaturkritiker am Unterschied zwischen „Der König von Korsika“ (2001) und „Karlmann“ (2007) herausarbeiten.Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Proust-Lektüre?
MK: Ja, in meinem Dorf in Burgund, wo die Kirche die gleichen Honig-Bodenplatten hatte wie St. Hilaire, und meine Nachbarin Lucette die gleichen Französischfehler machte wie Francoise. Da war es kinderleicht, Proust zu verstehen.
Wann war das?
MK: So um 1997 herum.
Was war Ihr erster Eindruck?
MK: Dass mir dank der Lektüre mehrere zusätzliche Sinne zuwachsen, die ich vorher nicht hatte.Sie haben „Combray“ und „Eine Liebe Swanns“ ins Deutsche übersetzt. Welche Entdeckungen haben Sie dabei gemacht?
MK: Dass ich es kann, auch wenn es schwieriger war als alles, was ich davor und danach getan habe. Und Jahrzehnte später habe ich auch verstanden, warum nicht jedem meine (genauere) Übersetzung besser gefallen hat als die alte von Eva Rechel-Mertens: Einen Text, den man sehr liebt, liebt man genauso, wie er da steht. Und jede Veränderung, ganz gleich ob Verbesserung oder nicht, verletzt die eigene Erinnerung und wird daher als widerlich empfunden. Ich habe das an einer vielgelobten Neuübersetzung von „Der Meister und Margarita“ bemerkt, die ich extrem verärgert und verunsichert nach 100 Seiten in die Ecke gefeuert habe. Das war nicht mehr „mein“ geliebter Text. Aber wenn diese neue Übersetzung angeblich genauer, exakter und besser sein sollte als meine alte, was hatte ich dann all die Jahre geliebt? War ich betrogen worden? Daher: Es sollte keinen Wettbewerb zwischen Übersetzungen geben.Proust war ein manischer Briefschreiber. Wissen Sie zufällig, wie viele Briefe er verfasst hat?
MK: Keine Ahnung. Aber in der großen Kulturepoche des Briefeschreibens gibt es eine ganze Menge Schriftsteller, die locker auf fünfstellige Zahlen gekommen sind.Es gibt die ganze „Suche“ als Comic. Haben Sie schon einen Blick hineingeworfen? Wäre das ein guter Einstieg in das Proust-Universum?
MK: Habe mal vor Jahren sowas gesehen. Visualisierung interessiert mich nicht. Die Konkretion macht die eigenen Bilder im Kopf kaputt. Weshalb ich auch nie wirklich ein Fan der Harry-Potter-Filme geworden bin. Im übrigen sehe ich nicht, warum es barrierefreie Einstiege in Literatur geben muss.Haben Sie sich die Neuübersetzung von Bernd-Jürgen Fischer angeschaut? Wie fällt Ihr Urteil aus?
MK: Nein, habe ich nicht. Interessiert mich auch nicht. Warum sollte ich (der ich weiß, wie groß die Reibungsverluste sind) Bücher in Übersetzung lesen, die ich auch im Original lesen kann. Im übrigen lohnt es sich, um Proust lesen zu können, zwei, drei Jahre Französisch zu lernen. Genauso wie es sich lohnt, Deutsch zu lernen, um Thomas Mann, Goethe, Kleist, etc im Original lesen zu können.