Jenny Erpenbecks Gewaltgeschichten

Volker Weidermann schrieb vor einem halben Jahr in der ZEIT: „Jenny Erpenbeck ist die literarische Stimme Deutschlands in der Welt. Im Ausland gilt sie als kommende Nobelpreisträgerin, in ihrer Heimat nicht. Wie kann das sein?“

Vor fünf Monaten meldete die „Tagesschau“: Der Schriftstellerin Jenny Erpenbeck werde als erster Deutscher der renommierte britische Internationale Booker Prize verliehen.

Jenny Erpenbeck kommt 1967 in Ost-Berlin zur Welt. Die Laufbahn ist früh vorgezeichnet: Erpenbeck wird in eine schreibwütige Familie hineingeboren, die Eltern verfassen Bücher, auch die Großeltern väterlicherseits sind Schriftsteller. Daraus erklärt sich das hohe Niveau der Bücher Jenny Erpenbecks. Sie macht es sich und ihren Lesern nicht leicht. Dass der Vater Physiker, Philosoph und Schriftsteller ist, schlägt sich in einer frühen Erzählung nieder: Sie ist im Band „Tand“ erhalten. Der Titel: „a ist gleich v durch t“.

Der Vater sagt: „Das ist ja das Schöne an der Physik, daß sie mit der Wirklichkeit zu tun hat.“ Man kann das auf Erpenbecks Kurzgeschichten beziehen. Das ist ja das Schöne an diesen Geschichten, daß sie mit der Wirklichkeit zu tun haben.

Als Einstieg in Ihren ganz eigenen Kosmos eignet sich der schmale Erzählungsband sehr. Erpenbeck, die große Romanautorin, ist auch eine Meisterin der kleinen Form. Im Band „Tand“ aus dem Jahr 2001 sind zehn Kurzgeschichten versammelt. Immer wieder bricht Gewalt in diese Geschichten ein.

Die erste Erzählung beginnt so: „Das Zimmer, in das er mich gebracht hat, ist mit dicken Teppichen ausgelegt,wenn ich laufen könnte, man würde es nicht hören. Die Tür hat er nur angelehnt, wenn ich laufen könnte, könnte ich das Zimmer verlassen. Gestern hat er mir mit seiner Zigarette die Fußsohlen verbrannt.“ Der letzte Satz ist die Erklärung dafür, dass sie nicht laufen kann. Die Zigarette ist ein Leitmotiv der Erzählung. Gegen Ende heißt es:

Er „steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Da hört man ein kurzes schleifendes Geräusch, ein Flämmchen flackert auf, eine braungefleckte Hand hält meinem Geliebten ein Streichholz hin. In den Augen meines Geliebten zuckt das Spiegelbild der Flamme, sein Blick trifft auf den Blick seiner Frau.“ So genau und gut kann Erpenbeck schreiben.

Der Geliebte tut der Ich-Erzählerin mit seiner Zigarette Gewalt an. In einer anderen Geschichte schleift eine Rückkehrerin aus Sibirien die Geliebte des Vaters an den Haaren aus ihrem Haus. Drei Jahre hat sie in Sibirien verbracht. Er hat sein Bein im Krieg verloren. Beide sind Versehrte. Sie haben Gewalt an sich erfahren.

Der Titel „Tand“ verweist auf eine Fontane-Zeile: „Tand,Tand ist das Gebild von Menschenhand.“ Die Großmutter in der Titelgeschichte ist Rezitatorin, sie hat sich, wie die Erpenbeck-Familie, der Literatur verschrieben, sie trägt auch das Fontane Gedicht vor, in der der „Tand“-Satz auftaucht. „Die Brücke am Tay“. Wikipedia: „Tand ist eine altertümliche Bezeichnung für eine hübsche nutzlose Sache, welche keinen Wert hat.“ Tand das ist auch die Literatur. Die Erzählung verfolgt das allmähliche Verschwinden der Großmutter und intoniert damit das Motiv der Vergänglichkeit. „Meine Großmutter geht mir hin und wieder verloren.“ Sätze wie dieser sind so schön, das man bei ihnen verweilt, sie mehrmals liest. „Meine Großmutter geht mir hin und wieder verloren.“

Die Kurzgeschichten sind kunstvoll gebaut, Erpenbeck verfügt über eine ganz eigene Sprache, einen lakonischen Ton. Schon der erste Satz macht eines deutlich: Es gibt einen Ahnherrn: Thomas Bernhard. Manche ihrer ungewöhnlichen Sätze, auch die obsessive Wiederholungen einzelner Formulierungen könnten von Bernhard stammen. Es ist eine leise, erlesene Prosa.

Der Erzählband hat keine 120 Seiten. Aber man braucht Zeit für die Lektüre. Die ungewöhnliche Sprache zwingt zum Langsamlesen. Das gilt gerade für das Schlussstück: Die letzte Erzählung ist die kürzeste, keine fünf Seiten, und es ist auch die rätselhafteste, kryptisch wie ein zeitgenössisches Gedicht. Titel: „Anzünden oder Abreisen“. Das wichtigste Motiv ist das Altern. Die Ich-Erzählerin, bekommt sie zu hören, werde ihrer Mutter immer ähnlicher. Im ersten Satz ist vom unausweichlichen Tod die Rede.

Wie in der ersten Erzählung geistert ein Geliebter durch diese letzte Kurzgeschichte. Das ist ein wichtiges Muster: ein Mann zwischen zwei Frauen. In der ersten Geschichte hat der Mann eine Geliebte, die Ich-Erzählerin, gleichzeitig aber hat er eine Frau. Als in einer anderen Geschichte die Frau aus Sibirien zurück kommt, entdeckt sie, dass ihre Mann eine Freundin hat. Und auch in der letzten Geschichte gibt es einen Geliebten: „Mein Geliebter beißt in mich hinein und sagt: Irgendwann wirst du dir einen Jüngeren suchen. Blödsinn, sage ich.“ Das Alter tut dem Menschen Gewalt an. Die Erzählerin sucht poetische Bilder für die Erfahrung des Alterns. Auf der letzten Seite des Buches heißt es: „Ich bin alt geworden. Das Alter hat mich in den Schlaf hineingetrieben, krank gemacht, lahm gemacht, Fleisch und Blut in Stein verwandelt.“ Sie hört dem Vergehen der Zeit zu. Die Vergänglichkeit ist ein zentrales Motiv dieser Erzählungen. Auch der „Tand“ ist vergänglich. Diese ganz eigenen Kurzgeschichten dagegen werden bleiben. Deshalb sollte man sie lesen. Wer Gefallen an dieser strengen Prosa findet, auf den wartet ein ganzer Erzähl-Kosmos: der der Jenny Erpenbeck.

Jenny Erpenbeck: Tand. Erzählungen. Eichborn Berlin, 2001.

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