Es ist ein sehr lesbares und lesenswertes Buch. Plastisch, mit leichter Hand werden 99 „Überlebenskünstler“ porträtiert. Hans Magnus Enzensberger war ein Stilist und ein Weltbürger. Er beherrschte sieben oder acht Sprachen. In vielen Ländern war er daheim. Manchen der porträtierten Überlebenskünstler hat er persönlich kennen gelernt. In dem Band sind 99 Porträts von Schriftstellern versammelt, die es schwer hatten. Da sind Schriftsteller, die in bitterer Armut lebten, da sind Autoren, die sich der staatlicher Willkür widersetzten, da gibt es Dichter, die sich aus der Armut lösten und zu Weltautoren wurden: Harry Mulisch etwa oder Gabriel García Márquez. Aber Enzensberger nimmt nicht nur die die Aufsteiger in den Blick, auch vergessene wie Alexander von Gleichen-Rußwurm und Franz Jung oder in unseren Breiten unbekannte wie Lu Xun und P. G. Wodehouse hat er in sein Buch aufgenommen. Das sind alles Schriftsteller.
Am Anfang stellt Enzensberger einige Fragen: „Warum keine Komponisten, Schauspieler, bildenden Künstler? Warum nur Schriftsteller?“
„Antwort: Weil ich mich in diesem Milieu einigermaßen auskenne.“
Die Frauen sind eindeutig in der Minderheit.
Enzensberger interessiert sich für ungewöhnliche Lebensläufe, etwa den von Robert Musil. Musil (1880-1942) entschied sich für eine technische Ausbildung, eigentlich sollte er Offizier werden, er studierte lieber Maschinenbau. Karl Corino hat mit 2000 Seiten die definitive Musil-Biographie geschrieben. So viele Seiten braucht man, um Musil gerecht zu werden. Enzensberger kann das auf drei Seiten nicht leisten. Aber er kann Interesse für diesem Autor wecken. Zuletzt lebte Musil mit seiner Frau Martha in Genf, isoliert und in bitterer Armut. Das ist das Schicksal vieler Überlebenskünstler. Unbeirrbar arbeitete er an seinem Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“, den er nicht vollenden konnte, der vielleicht auch nicht zu vollenden war. Viele bewundern diesen Roman, wenige haben ihn gelesen.
Viele der Porträtierten hat Enzensberger persönlich kennen gelernt, etwa Carl Zuckmayer. Im Sommer 1947 hält Zuckmayer in München unter freiem Himmel eine Rede „An die Jugend“. Enzensberger gehört dazu. Er findet den großen Dramatiker sofort sehr sympathisch. Als sie von den feierlichen Reden genug haben, gehen Enzensberger und Winnetou, Zuckmayers schöne Tochter, gemeinsam spazieren Enzensberger hakt nach: Woher sie ihren Namen habe? Der Vater verehrte Karl May und konnte „Winnetou“ seitenweise auswendig. Das ist eine überraschende Mitteilung: der große Dramatiker als May-Fan. In Vermont unterhielten die Zuckmayers eine Farm. So überlebte die Familie.
Die Vignette Raymond Queneaus (1903-1976) beginnt brillant: „Er war viel zu intelligent, viel zu gelehrt und viel zu lustig für einen Schriftsteller.“ So ein Einstieg macht natürlich neugierig.
Wer die wunderbare Autobiographie, drei Bände, von Elias Canetti (1905-1994) gelesen hat, will den ganzen Canetti kennen lernen.Von „Der Blendung“ ist man dann eher enttäuscht, keine liebenswürdig-menschenfreundliche Erzählung wie „Die gerettete Zunge“ oder „Die Fackel im Ohr“ (so die Titel der ersten Erinnerungsbände). Enzensberger wählt deutliche Worte, um Canettis einzigen Roman zu charakterisieren. Er bezeichnet Canettis „Die Blendung“ als sein „berühmtestes und verrufenstes Werk.“ „ein unerträgliches Buch, ein literarisches Monster“, „quälend weitschweifig und erschreckend monoton“. Canettis Autobiographie kann Enzensberger wenig abgewinnen, ihr sei nicht zu trauen, „weil Canetti offenbar vieles, was ihm unangenehm war, verschwiegen oder verharmlost hat“. Anders als der Canetti der Autobiographie war Canetti im Leben eine wenig sympathische Erscheinung: auch hier wählt Enzensberger deutliche Worte: „Mit ihm auszukommen war nicht leicht: Er war streitbar, geizig, eitel und von seiner Einmaligkeit überzeugt.“ Das zeigt, dass Enzensberger seinen Überlebenskünstlern nicht unkritisch begegnet. Er schreibt auch über maßlos überschätzte Autoren, für ihn ist Henry Miller einer.
Man wundert sich zunächst, dass auch Gabriel García Márquez (1927- 2014) „Überlebenskünstler“ aufgenommen wurde. Schließlich war er einer der erfolgreichsten Autoren seiner Zeit. Seine Erinnerungen erschienen in einer Startauflage von einer Million Exemplaren. Enzensberger lernte „Gabo“, wie er überall genannt wurde, in Barcelona kennen, als der Kolumbianer noch ein namenloser Journalist war. Als er an seinem Hauptwerk „Hundert Jahre Einsamkeit“ schrieb, musste die Frau Auto, Fernseher und Kühlschrank versetzen, um das Überleben zu sichern. Der Roman wurde ein Welterfolg, und die Familie musste fortan nicht mehr ohne Kühlschrank auskommen. Einsamkeit war sein Thema. Er witterte sie auch bei den Machthabern. In einem Interview äußerte er: „Je mächtiger einer ist, desto weniger weiß er, wer ihn anlügt. Seine absolute Macht führt dazu, dass er jeden Realitätskontakt verlieren wird. Das ist die schlimmste aller Einsamkeiten.“
Drei wichtige Autoren fehlen in dieser Galerie: Hermann Hesse, Vladimir Nabokov und Uwe Johnson. Alle drei bewegten sich am Rand des Scheiterns.
Enzensbergers 99 Vignetten zeugen von einem weiten literarischen Horizont und immenser Belesenheit. Enzensberger findet so glänzende Formulierungen, dass man ihn am liebsten seitenweise zitieren möchte. Seine Vignetten machen auf viele ungewöhnliche Autoren neugierig.
Für manchen Leser sagt Enzensberger vielleicht zu viel „ich“. Er selbst hat das vorausgesehen So schreibt er im Vorwort: „Im übrigen verlangt mein Vorhaben die Ich-Form.“ So gibt es auch eine 100. Vignette. Sie beleuchtet niemand anderen als Hans Magnus Enzensberger selbst.
Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten. Suhrkamp Verlag, 2018.
