Haffners glänzende „Anmerkungen zu Hitler“

Es ist ein brillantes Buch über einen schäbigen Gegenstand. Auf der Rückseite der Monographie wird Stuttgarts langjähriger Oberbürgermeister Manfred Rommel zitiert: „Kein Buch über das Dritte Reich habe ich mit soviel Gewinn gelesen wie Sebastian Haffners ,Anmerkungen zu Hitler´.“ Sein Vater war der Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der „Wüstenfuchs“, der auch von den englischen Gegnern sehr geschätzt wurde. Er wandte sich von Hitler ab und dem Widerstand zu.

Schon auf der ersten Seite zeigt sich, dass diese „Anmerkungen“ glänzend geschrieben sind. Man möchte nur noch zitieren. Besser als Haffner kann man es nicht formulieren. Darf man die Biographie eines Massenmörders schreiben?

Sebastian Haffner findet den richtigen Ton für den nichtswürdigen Gegenstand: verächtliche Ironie: Der Entschluss Politiker zu werden, sei einer der vielen gewesen, die er als „den schwersten meines Lebens“ bezeichnet hat.

Haffner beginnt mit Hitlers Leben. Sieben Kapitel umfassen seine „Anmerkungen“: Leben, Leistungen, Erfolge, Irrtümer, Fehler, Verbrechen, Verrat.

„Das entscheidende Kennzeichen dieses Lebens ist seine Eindimensionalität.“ Es sei inhaltsleer, einziger Inhalt ist die Politik. Freunde hatte er keine (vielleicht abgesehen von Albert Speer).

„Auf politischem Gebiet hatte Hitler das Wissen eines leidenschaftlichen Zeitungslesers.“

Phänomene wie Nationalismus und Sozialismus lagen damals in der Luft. „Nationalismus und Sozialismus waren mächtige massenbewegende Losungen. Was für eine Sprengkraft mussten sie erst entfalten, wenn es gelang, sie irgendwie zu verbinden.“

Hitler gelingt eine „Fusion von Nationalismus und Antisemitismus. Und zwar scheint dabei der Antisemitismus das Allererste gewesen zu sein.“ Der Antisemitismus ist osteuropäisches Produkt: Er zielt nicht auf die Bekehrung der Juden, sondern auf ihre Ausrottung.

Der November 1918 war Hitlers „Erweckungserlebnis“. Nie wieder, davon ist er überzeugt, dürfe es einen November 1918 geben, gemeint ist der vorzeitige Abbruch des Krieges.

Eine Zäsur ist die Selbstentdeckung seiner Redegewalt: sie kann genau datiert werden, auf den 24. Februar 1920, „an dem Hitler mit durchschlagendem Erfolg seine erste Rede in einer Massenversammlung hielt“.

Haffner gelingen kluge Beobachtungen: „Diese hypnotische Massenwirkung war Hitlers erstes und lange Zeit sein einziges politisches Kapital…. Wichtiger noch als die Wirkung auf die Massen war aber die Wirkung auf Hitler selbst.“

Ein Kapitel ist Hitlers Leistungen gewidmet. Die gab es ja in der Tat.

Hitler gelingen in seinen ersten Jahren als Reichskanzlers Leistungen, die ihm niemand zugetraut hätte, die Freund und Feind verblüfften: Im Januar 1933, als Hitler Reichskanzler wird, gib es in Deutschland sechs Millionen Arbeitslose. Drei Jahre später, 1936, herrscht Vollbeschäftigung.

Hitlers Rede vom 28. April 1939:

„Ich habe das Chaos in Deutschland überwunden, die Ordnung wiederhergestellt.“

Er wird von Bewunderung umgeben. Die Deutschen sagen: „Er ist aber in weniger als zwanzig Jahren aus dem völligen Nichts zur Zentralfigur der Welt geworden, und alles gelingt ihm, auch das scheinbar Unmögliche.“

„Die Umstände haben mich gezwungen, jahrelang fast nur vom Frieden zu reden.“ Dabei hat er nur den Krieg im Sinn.

Die Deutschen gehen nicht mit Begeisterung in den Krieg wie anno 1914, sondern mit Bestürzung und Niedergeschlagenheit.

„Hitler war sicher nicht das militärische Genie, für das er sich hielt, aber er war auch nicht der hoffnungslose militärische Ignorant und Stümper, als der er in so vielen Generalsmemoiren den Sündenbock abgeben muß.“

Sein größter Erfolg: der Frankreichfeldzug.

In einer Rede vom 13. November 1930 stellt Hitler fest: „Jedes Wesen strebt nach Expansion, und jedes Volk strebt nach der Weltherrschaft.“

Ziel ist die Eroberung von Lebensraum, ein Irrtum: „Wohlstand und Macht hängen seit der industriellen Revolution nicht mehr von der Größe des Bodenbesitzes ab, sondern vom Stand der Technologie.“ Der gigantische Lebensraum der Sowjetunion ist für das Land ein Handicap.

Fehler

„Am dem Ziel, Europa zu beherrschen, war bisher noch jeder gescheitert, der es sich gesetzt hatte.“, stellt Haffner unmissverständlich fest.

Mit seinem rabiaten Antisemitismus schadete Hitler sich und Deutschland.

„Gute Patrioten waren die Juden seit ihrer Emanzipation in allen westlichen Ländern geworden. Aber nirgends hatte dieser jüdische Patriotismus so glühende, tief emotionale Züge angenommen wie gerade in Deutschland. Man kann von einer jüdischen Liebesaffäre mit Deutschland sprechen.“

Hitlers fanatischer Antisemitismus zerstörte diese Symbiose. „Schwerer wog der Aderlass, den Hitlers Antisemitismus der deutschen Wissenschaft zufügte. Nicht nur die jüdischen Wissenschaftler, mit Einstein an der Spitze, wanderte aus. Auch bedeutende nichtjüdische folgten ihren jüdischen Kollegen oder Lehrern“

Der Zustrom der Wissenschaftler, die in Scharen nach Deutschland gekommen waren, brach abrupt ab.

Das Weltzentrum der Atomforschung lag bis zu Hitler in Göttingen; „1933 verlagerte es sich nach Amerika“. Haffner stellt eine interessante Spekulation an: Ohne Hitlers Antisemitismus hätte wohl Deutschland und nicht Amerika zuerst die Atombombe entwickelt.

Hitlers wahnhafter Antisemitismus führt zu den unfassbaren Verbrechen an den Juden. Diesen Verbrechen widmet Haffner ein eigenes Kapitel.

Die Kriegserklärung an die USA am 11. Dezember 1941 war ein Wahnsinnsakt. „Denn daß die Niederlage unvermeidlich wurde, wenn zu den unbesiegten Gegnern England und Rußland auch noch die damals schon stärkste Macht der Erde hinzukam, kann Hitler unmöglich entgangen sein.“

Mit der Kriegserklärung erweist Hitler dem US-Präsidenten Roosevelt einen Dienst.

Roosevelt will den Krieg gegen Deutschland, die Öffentlichkeit der USA ist dagegen. Unmöglich kann er sie gegen Deutschland mobilisieren. Da kommt ihm Hitler mit der Kriegserklärung zuvor. Jetzt gibt es keine Alternative mehr zum Krieg. Die Supermacht USA lässt die Muskeln spielen.

Das letzte Kapitel lautet „Verrat“. Deutschland kann den Krieg nicht mehr gewinnen, zu übermächtig sind seine Gegner, also soll es untergehen. Ein Abbruch des Krieges wie im November 1918 kommt für Hitler nicht in Frage. Die Niederlage soll total sein. Das deutsche Volk hat sich als das schwächere erwiesen, also muss es untergehen. Das ist die Logik des Sozialdarwinismus. Die Not der Menschen und die Staatsvernichtung hat Hitler in den letzten Kriegsmonaten bewusst herbeigeführt.

Diese „Anmerkungen“ sind 1978 erschienen und wurden gleich mit dem Heinrich-Heine-Preis ausgezeichnet. Man sollte sie heute lesen. Warum?

Haffner gelingt ein fulminantes Finale: 33 Jahre nach Ende des Dritten Reiches habe niemand in Deutschland auch nur die kleinste politische Außenseiterchance, der sich auf Hitler beruft und an ihn anknüpfen will. Das sei nur gut so. „Weniger gut ist, dass die Erinnerung an Hitler von den älteren Deutschen verdrängt ist und dass die meisten Jüngeren rein gar nichts mehr von ihm wissen. Und noch weniger gut ist, dass viele Deutsche sich seit Hitler nicht mehr trauen, Patrioten zu sein. Denn die deutsche Geschichte ist mit Hitler nicht zu Ende. Wer das Gegenteil glaubt und sich womöglich darüber freut, weiß gar nicht, wie sehr er damit Hitlers letzten Willen erfüllt.“

Sebastian Haffner. Anmerkungen zu Hitler. Fischer Taschenbuch Verlag, 2011.

Schreibe einen Kommentar