Gurnahs „Verlorenes Paradies“ – ein Gewinn

Als im Oktober letzten Jahres der Name des neuen Literaturnobelpreisträgers bekannt gegeben wurde, war die Ratlosigkeit unter Lesern in Mitteleuropa groß. Viele fragten sich: Wer ist dieser Abdulrazak Gurnah? Wie kommt man an seine Bücher? Lange Zeit waren sie in Deutschland vergriffen. Es dauerte bis Anfang Dezember 2021, bis ein Roman wieder auf Deutsch erhältlich war: „Das verlorene Paradies“. Im Jahr 1994 im englischen Original erschienen, bedeutete dieser Roman für Gurnah den Durchbruch.

Im Grunde ist es eine traurige Geschichte aus dem Osten Afrikas. Der 12 jährige Yusuf muss seine Stadt und sein Elternhaus verlassen. Erst später erfährt er, warum: Sein Vater hat Schulden bei „Onkel Aziz“, Yusuf muss sie abarbeiten. Diese Trennung von den Eltern ist „das denkwürdigste Ereignis in seinem Leben“. „Onkel Aziz“, sein „Besitzer“, ist die Liebenswürdigkeit selbst. Er scheint eher ein Menschenfreund zu sein als ein Ausbeuter. Am Ende des Romans wird aber diese Form der Inbesitznahme von Menschen verurteilt.

Das Besondere an diesem Roman sind die Figuren und die Landschaften . Der Roman ist bevölkert von bizarren Gestalten. Die Landschaftsschilderungen beeindrucken. Gurnah ist ein genauer Beobachter.

Auf der ersten Seite des Romans sieht Yusuf seine ersten Europäer, im letzten Satz folgt er ihnen. Es sind die Jahre am Ende des 19. Jahrhunderts, als die europäischen Großmächte sich in Afrika Kolonien zulegen. Immer wieder wird auf das Eindringen der Europäer hingewiesen.

Die Europäer sind vielfach präsent: als Ordnungsmacht, als Pastoren, die das Evangelium bringen, als Soldaten. Früh heißt es: „Die Deutschen hatten vor nichts Angst. Sie machten,was sie wollten, und niemand konnte sie daran hindern.“

„Onkel Aziz“ bemüht sich, den jungen Yusuf zu fördern, er will ihn auf eine Handelsreise mitnehmen. Ein Aufseher sagt zu Yusuf: „Es ist Zeit, dass du erwachsen wirst und siehst, wie es in der Welt zugeht…“ .

Ist das also ein Entwicklungsroman aus Afrika? Wie in Joseph Conrads Hauptwerk „Herz der Finsternis“ wird eine Reise ins Innere von Afrika geschildert. Yusuf lernt die Schönheiten und Schrecken Afrikas kennen. Nach und nach nimmt seine Welt- und Menschenkenntnis zu. Das Innere des Kontinents erweist sich als Hölle. Ausgemergelt und zerrüttet kehren die Händler zurück.

Yusuf aber erinnert sich an paradiesische Momente. Er beschreibt etwa einen Wasserfall: „Nie habe ich etwas so Schönes gesehen.“ Er erinnert sich an das grüne Licht eines Berges. Für den Großhändler „Onkel Aziz“ ist die Reise ins Landesinnere allerdings ein Fehlschlag. Eine Zukunft hat diese Form des Handels nicht. Der Aufseher: „Es wird keine Reisen mehr geben, jetzt, da die europäischen Hunde sich überall breitmachen.“

Yusuf, der Name legt es schon nahe, ist eine Joseph-Figur: bildhübsch, charmant, wortgewandt. Man sagt ihm nach, Träume deuten zu können. Manche Frauen halten ihn für einen Engel.

Die Präsenz der Europäer wird immer bedrängender: „Die Deutschen können jederzeit damit beginnen, Leute zu entführen, um sie zu Trägern in ihrer Armee zu machen.“ Der deutsche Offizier, der am Ende des Romans auftritt, ist eine Karikatur und ein Todesbote. Man wundert sich, wenn man auf dem Buchrücken liest, der Roman sei „in leichtem, humorvollem Ton erzählt“. Es ist ein Roman voller Gewalt, weil die Geschichte Afrikas von Gewalt geprägt ist.

Gurnah hat nicht einen so ausgeprägt eigenen Stil wie seine Nobelpreiskollegen Günter Grass oder Gabriel García Márquez, aber diesen Schriftsteller und seine Bücher sollte man unbedingt kennen.

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies. Roman. Penguin, 2021

Sein aktueller Roman „Afterlives“ („Nachleben“) wird Mitte September auf Deutsch erscheinen.

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