Geschichten aus einer geteilten Stadt – Christoph Heins neuer Roman

Diese Geschichte ist Geschichte. Sie spielt in der geteilten Stadt Berlin, an die es nur noch Erinnerungen gibt. Christoph Hein macht sie lebendig, indem er den Staub von der Geschichte pustet. Sein neuster Roman „Unterm Staub der Zeit“ setzt das Buch „Von allem Anfang an“ fort, einen Roman, der 1997 erschienen ist. Er endete mit Daniels Abschied von seiner kleinen ostdeutschen Stadt. Daniel, der Ich-Erzähler, hatte sich nach längerem Zögern für die Weltstadt Berlin entschieden. Als Pfarrerssohn war ihm in der DDR der Besuch der Oberschule verwehrt. Noch ist Berlin nicht durch eine Mauer geteilt.

Am Anfang des neuen Romans kommt Daniel in der großen Stadt an. Das Internat befindet sich im Grunewald, wo schon Daniels Bruder David lebt. Daniel richtet sich in einer Stube mit fünf Mitbewohnern ein. Er ist ganz glücklich, wenn er am Wochenende den Raum für sich hat, dann kann er in aller Ruhe an seinen literarischen Werken arbeiten.

Die große Frage: Wie kommt man an Geld? Daniel und sein Bruder verkaufen Zeitungen, in Berliner Kneipen, drei Pfennig pro verkauftem Exemplar.

Auf den ersten 70 Seiten vermisst man die großen Szenen, aus denen „Von allem Anfang an“ bestand. Aber dann wird es spannend. Daniel wohnt einer Erweckungspredigt von Billy Graham in einem Zelt am Brandenburger Tor bei. Man kann Graham, der als „Maschinengewehr Gottes“ bezeichnet wurde, mit wenigen Stichworten abtun: Charisma. Die Macht der Rede. Volksverführer. Damit haben die Deutschen erst Erfahrungen gemacht. Daniel und seine Mitschüler sind nicht erschüttert, eher belustigt. Sie durchschauen den ganzen Zauber.

Wie in Hesses „Unterm Rad“ sind die Porträts der Mitschüler besonders reizvoll und originell, weil nicht erfunden. In der Küche wurde Geld gestohlen. Es dauert, bis der Täter ermittelt ist. Der wird milde bestraft, er darf im Internat bleiben.

Einer der Höhepunkte des Romans: Daniel darf die Proben eines kleinen Berliner Theaters besuchen und verliebt sich dabei in eine Darstellerin. Warum besuche er die Proben, fragt der Regisseur. Wolle er Schauspieler werden? Nein, Theaterautor. Daniel gibt dem Leiter des Theaterzirkels seiner Schule eines seiner Theatermanuskript zu lesen. Der Lehrer ist nicht überzeugt, spricht die kritischen Punkte an (die Figuren leben nicht), und Daniel ist eine ganze Weile deprimiert.

Dramatischer End- und Höhepunkt des Romans: der Mauerbau. Daniel hält es für unmöglich, eine ganze Stadt abzuriegeln. Aber die Abschottung der DDR ist so total, dass Daniel nicht mehr zurück zu seinem Westberliner Gymnasium kann. Er muss sich im Ostteil der Stadt nach einer Lehrstelle umsehen. Schließlich entscheidet er sich für eine Ausbildung in der großen Buchhandlung am Alexanderplatz. Mit seinem Bruder betätigt er sich eine zeitlang als Fluchthelfer, bis sie ins Visier der Volkspolizei geraten. In der Buchhandlung, der größten des Landes, fällt ihm eine junge Kollegin auf. Er lädt sie zu einem Kinobesuch ein. „Und damit begann eine andere Geschichte. Eine ganz andere Geschichte.“ Mit diesen Worten bricht der Roman ab. Wird Christoph Hein diese andere Geschichte in naher Zukunft erzählen? Ähnlich wie Ralf Rothmann hat auch Christoph Hein eine ungewöhnliche Biographie, die schließlich in den Schriftstellerberuf mündete. Nach dem Mauerbau arbeitete Christoph Hein im Osten der Stadt als Buchhändler, Montagearbeiter, Kellner, Journalist, Schauspieler und Regieassistent.

„Unterm Staub der Zeit“ besitzt nicht die Intensität und die Vielzahl unvergesslicher Szenen des Vorläuferbuches „Von allem Anfang an“, aber es ist ein sympathischer, gelungener, gut zu lesender Roman.

Christoph Hein: Unterm Staub der Zeit. Roman. Suhrkamp Verlag 2023.

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