Gärtringen wurde sein Refugium. Hier war er glücklich. Seinen Arbeitsplatz nahe der Villa Schwalbenhof bezeichnete er als „schönsten der Welt“. Sich selbst sah er als Schriftsteller. Friedrich Sieburg war eine schillernde Figur. Er war der mächtigste und gleichzeitig umstrittenste Literaturkritiker seiner Zeit. Seine Biographien waren beliebt, seine Artikel gefürchtet. Einflussreich war er ohne Zweifel, aber wohl auch ziemlich eitel. Auf jeden Fall eine widersprüchliche Gestalt: Er war ein strenger Geist und ein sinnlicher Genießer. Er schrieb Gedichte und war doch kein Dichter. Sieburg setzte sich für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ein, grenzte sich aber nicht scharf genug gegen die Nazis ab. Die Literatur bezeichnete er als sein Lebensgefühl, aber für die großen jungen Autoren wie Günter Grass oder Martin Walser hatte er wenig Sinn. Von Gärtringen aus leitete er den Literaturteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Er zog die Provinz der Metropole vor.
Ein brillanter Schüler war er nicht. Über die Jugend ist wenig bekannt. Kurz vor seinem Tod wollte Sieburg nicht einsehen, „was an einer Kindheit interessant sein soll“. Mit sechzehn veröffentlichte Sieburg seine ersten Gedichte, in den „Düsseldorfer Nachrichten“, sie waren von Stefan George inspiriert, Sieburgs Abgott. „Von ihm lernte ich den Sinn eines Lebens, das rein ist und nur nach dem Werk trachtet.“ Diese frühen Verse sind formvollendet, aber etwas leer. Der junge Poet setzt auf Reim und Rhythmus. Stilistische Eleganz sollte ein Markenzeichen Sieburgs bleiben. „An das Leben will ich mich verschwenden,“ heißt es in einem Gedicht. „Ich bin ein Dichter, aber die Welt ist leer.“
In Sieburgs Biographie spiegelt sich deutsche Geschichte: Auch Sieburg begrüßt den Ersten Weltkrieg euphorisch: „Ich bin aufgeblüht unter der klaren Luft des nahen Gefechtes und bin eigentlich zum ersten Mal in meinem Leben etwas glücklich.“ Nach einer Ausbildung in Böblingen erhält er 1917 die Befähigung zum Piloten.
Sieburg liebte Frankreich, er war Korrespondent der angesehenen „Frankfurter Zeitung“ in Paris (als Nachfolger von Joseph Roth) und lebte dort gut. Paris sah den kometenhaften Aufstieg Sieburgs, dieses „starken journalistischen Talents“, wie der scharfzüngige Tucholsky ihn nannte. „Paris war der Mittelpunkt einer Welt geworden…“. Sieburgs erstes Buch „Gott in Frankreich?“ von 1929 ist das Werk eines feinsinnigen Historikers, es begründet Sieburgs internationalen Ruhm. Sieburg war ein Journalist von europäischem Rang und deshalb auch ein bedeutender Schriftsteller. Er wurde als „Sinfoniker der Sprache“ bezeichnet. Das Schreiben war sein Leben.
Den Zweiten Weltkrieg wollte er nicht. Sein Ausbruch stürzt ihn in tiefe Depressionen. Ab 1939 wechselt er in den auswärtigen Dienst. In Paris wirkt er als deutscher Diplomat. Sieburgs Biograph Harro Zimmermann kommentiert diese Zeit: „Nähe und Distanz Sieburgs zum Nationalsozialismus bleiben letzten Endes nicht vollkommen aufklärbar, ein gewiefter, oft ergebener Mitläufer ist er gewesen, ein genuiner Nazi zu keiner Zeit.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er zunächst Publikationsverbot und stieg dann zu einem einflussreichen Literaturkritiker auf.
Er distanzierte sich von George und setzte sich für die junge Bundesrepublik ein. 1956 übernahm er die Leitung des Literaturteils der FAZ, ein Jahr später rückte er in den erlauchten Kreis der Herausgeber auf.
1957 errichtet er in Gärtringen einen wohnlichen Bungalow, auf einem Rübenfeld nahe der Villa Schwalbenhof, in der seine Freunde wohnen: das Industriellenehepaar Erwin und Alwine Kiefer. Alle vierzehn Tage reist Sieburg nach Frankfurt zu den Redaktionskon-ferenzen. Der Ausgang der Bundestags-wahlen 1957 – die CDU erreicht die absolute Mehrheit – deprimiert ihn. Sieburg schreibt in einem Brief: „Der stumpfsinnige Ausgang der Wahlen hat mich in tiefe Depressionen gestürzt und hätte ich nicht so viel Freuden der Natur durch meinen neuen Wohnsitz [in Gärtringen], wäre ich absolut unglücklich.“
Im November des gleichen Jahres notiert er: „Hier in Gärtringen, das uns mit sanftem und trockenem Herbstwetter erfreut, bestehen die Sensationen hauptsächlich in der Pflanzung neuer Bäume, mit denen wir den Garten verschönern.“. Nach dem Tod des Freundes Kiefer, heiratet er 1963 dessen Witwe und zieht in der Villa Schwalbenhof ein. Dort stirbt er ein Jahr später.
Dass zu diesem Journalisten auch 50 Jahre nach seinem Tod noch viel zu sagen ist, beweist Harro Zimmermann in seiner neuen Sieburg-Biographie. Zimmermann, ehemals Kulturredakteur bei Radio Bremen und Literaturprofessor in Bremen, hat eine große Zahl neuer Quellen erschlossen, so entsteht auf 450 Seiten das umfassende Porträt eines schwierigen, auch schwer zu fassenden Geistes. Die stilistische Brillanz Sieburgs erreicht sein Biograph nicht. Mit großem Wortaufwand, manchmal auch etwas gespreizt, schreibt Harro Zimmermann. Lesenswert ist die Biographie auch deshalb, weil Sieburg ausführlich zu Wort kommt, in all seiner Widersprüchlichkeit. Zimmermanns Biographie beginnt: „Er gehört zu den intellektuellen Gründungs-vätern der Bundesrepublik, doch sein Vermächtnis hat man bis heute kaum wahrgenommen.“ Das ist das Schicksal der Journalisten: weil sie der Gegenwart verpflichtet sind, bleiben sie nicht gegenwärtig. Mit der Zeit geraten sie in Vergessenheit.
Trotzdem ist in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse an Sieburg wahrzunehmen: Er war Gegenstand einer Doktorarbeit und vieler Aufsätze, es erschienen mehrere Biographien, und eines seiner Hauptwerke, „Die Lust am Untergang“, wurde 2010 wieder aufgelegt. Sieburg hat ein riesiges Werk hinterlassen. Hier gibt es wohl noch einiges zu entdecken. Wer sich vor Ort informieren will: In Sieburgs Residenz, der Villa Schwalbenhof, befindet sich eine Dauerausstellung zu diesem großen Journalisten.
