Eine Meisterin der deutschen Sprache

Obwohl Terézia Mora Ungarin ist, ist sie eine Meisterin der deutschen Sprache. Aber vielleicht ist sie eine Meisterin deutscher Sprache, weil sie Ungarin ist. Wer von außen auf eine Sprache blickt, entdeckt mehr. Mora steht zwischen den Sprachen und zwischen den Kulturen, das befruchtet ihr erzählerisches Werk. Das Besondere bei Mora ist, dass sie ihre Meisterschaft nicht ausstellt, dass sie nicht mit kunstvollen Formulierungen prunkt. Das Auffällige an ihrem Stil ist die Unaufälligkeit. Ihre Kunst ist ganz natürlich, sie kommt leise daher. Das wird nicht überhört: Ende Oktober 2018 wurde der Autorin der wichtigste deutschsprachige Literaturpreis verliehen: der Georg-Büchner-Preis, dotiert mit 50 000 Euro. Die Begründung der Jury: „Für ihre eminente Gegenwärtigkeit und lebendige Sprachkunst, die Alltagsidiom und Poesie, Drastik und Zartheit vereint, verleiht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis 2018 an Terézia Mora.“

2023 schaffte Mora es mit ihrem Roman „Mona oder die Hälfte des Lebens“ auf die Shortlist, wurde am Ende aber nicht prämiert.

Einige Jahre zuvor ist ein bemerkenswerter Erzählband erschienen. Titel: „Liebe unter Aliens“. Es geschieht viel in ihren Erzählungen. Schon die erste Geschichte ist voller Action: Auf einer belebten Einkaufsstraße wird einem Mann von einem jungen Tagedieb die Tasche entrissen, sie enthält Geldbeutel und Ausweise. Das Opfer ist ein Marathonläufer und nimmt umgehend die Verfolgung auf. Er rennt durch die Stadt bis er in einem ganz fremden Viertel ist. Eine Geschichte voller Überraschungen. Und mit schönen Details: mitten in der turbulenten Handlung fällt „ein brennender Zigarettenstummel vor ihn auf den Gehsteig“. Ihre Sprache ist karg und schmucklos, sie teilt nur das Wesentliche mit. Moras Sprache ist einfach, aber nicht oberflächlich, gelegentlich nähert sie sich der Alltagssprache.

Die Geschichten lesen sich leicht, aber sie überraschen oft durch verblüffende Wendungen und sind insofern nicht immer leicht zu verstehen. In der Titelgeschichte bricht ein Paar ans Meer auf, ein angehender Koch und seine Freundin. Plötzlich verschwindet das Mädchen, später auch ihr Freund. Was hat das zu bedeuten? Was ist die Quintessenz dieser Geschichte(n): Liebe kann nicht glücken? Jede dieser Geschichten wirft Fragen auf. In einer wird das Glück des Radfahrens beschrieben. Manchmal gelingt es Mora, in einem Satz ein ganzes Drama zu verdichten: „Mich hat mein Geliebter nach acht gemeinsamen Jahren verlassen, als ich ihm sagte, er sei mein Leben.“ In dieser Erzählung wird der Aufenthalt einer jungen Ungarin in London als Dozentin beschrieben. Ihr Leben besteht aus Lesen, Gehen und Schlafen. Auch sie lebt zwischen den Sprachen und Kulturen.

Wie der Titel schon andeutet, geht es in diesen Geschichten um Liebe, aber selten um geglückte. Geglückt sind dagegen diese ungewöhnlichen Erzählungen.

Terézia Mora: Liebe unter Aliens. Erzählungen. Luchterhand Verlag, 2016

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