Eine Ehegeschichte am Bodensee: „Ein fliehendes Pferd“

Es ist eines seiner schmalsten Bücher, aber mit Sicherheit sein stärkstes: „Ein fliehendes Pferd“ ist ungeachtet seiner geringen Seitenzahl ein Hauptwerk Martin Walsers.

Am liebsten siedelte er seine Bücher am Bodensee an. Hier ist er in seinem Element. Der Roman über Walsers Kindheit und Jugend „Ein springender Brunnen“, eines seiner schönsten Bücher, spielt ganz in Wasserburg am Bodensee.

Ausschließlich am Bodensee spielt auch die Novelle „Ein fliehendes Pferd“, das der Kritiker Marcel Reich-Ranicki, der Walser häufig verriss, als „Walsers Glanzstück“ bezeichnete. Sein schmales Buch, gut 100 Seiten, in drei Wochen geschrieben, ist ein formvollendetes Werk.

Im ersten Satz drängt Sabine Halm plötzlich aus dem „Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an dem noch niemand saß“. Aus der gesichtslosen Masse treten zwei Figuren hervor: Helmut und Sabine, ein starker Beginn.

Das Ehepaar Halm macht seit vielen Jahren Urlaub am Bodensee.

Helmut verspürt eine Art „hoffnungslosen Hunger nach diesen leicht gekleideten Braungebrannten“, die an ihm vorbeiflanieren. Sein Selbstbewusstsein ist nicht das stärkste. Von Anfang an wird Helmut als unsicherer Mensch gezeichnet. Er ist Studienrat am traditionsreichen Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, und die Schüler nennen ihn „Bodenspecht“, weil er vor sich auf den Boden starrt. Als Jugendlicher hat er „Also sprach Zarathustra“ in der französischen Übersetzung gelesen.

Kaum sitzt das Ehepaar auf den Caféstühlen, taucht ein weiteres Ehepaar auf. Der Mann entpuppt sich als ehemaliger Schulfreund Helmuts: Klaus Buch, begleitet von seiner höchst attraktiven Frau Helene. Klaus Buch kann es nicht glauben, dass sein ehemaliger Freund ihn nicht erkennt.

Buch hat etwas aus sich gemacht. Er wirkt jugendlich, optimistisch, unternehmungslustig. Leicht ist er als Gegenfigur zu Helmut Halm zu erkennen. Er ist sehr von sich überzeugt und sprüht nur so vor Lebensfreude. Helmut kann das nur neidvoll registrieren.

Helmut kann sich nicht so gut an die gemeinsame Schulzeit erinnern. Klaus Buch feiert sie. Für ihn ist die Vergangenheit noch ganz präsent. Helmut, das erkennt der Leser sofort, spielt Theater.

Martin Walser ist ein sehr belesener Autor. Wie in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ stehen sich zwei Ehepaare gegenüber. Wie beim frühen Thomas Mann treffen zwei unterschiedliche Typen aufeinander: der eine repräsentiert das Leben, der andere den Geist.

Alle Walserfiguren tragen sprechende Namen: Helmut ist schwach wie ein Halm, Helene ist eine höchst attraktive Frau, Klaus Buch schreibt Bücher. Er ist aber alles andere als ein Büchermensch. Dazu ist er viel zu vital.

Klaus Buch beeindruckt seinen ehemaligen Klassenkameraden, indem er ein fliehendes Pferd einfängt.

Walser hat seiner Erzählung den Gattungsbegriff „Novelle“ gegeben. Was eine Novelle ist, ist nicht genau zu definieren. Aber in den meisten Novellen spielen Wendepunkte eine wichtige Rolle. Und tatsächlich ist von der „Wende“ bei einem Segelbootausflug der beiden Männer die Rede. Auf dem Bodensee findet die Wende statt: Ein Sturm ist im Anzug. Klaus Buch geht, durch den ängstlichen Helmut verschuldet, über Bord. Das kann er unmöglich überlebt haben.

Seine Frau erzählt den Halms daraufhin wie ihre Ehe in Wirklichkeit aussah.

Auch Klaus Buch hat Theater gespielt. Klaus Buch, zutiefst versichert, hat die Ehe für Helene zur Prüfung werden lassen. Sogar das Klavierspielen hat er ihr verboten. Das Leben, so Helene, war keines mehr. Ihr Mann traute sich gar nichts mehr zu.

Deshalb sei Klaus so glücklich gewesen, die bodenständig-soliden Halms zu treffen. Er hat Helmut nicht durchschaut.

Plötzlich steht Klaus Buch im Raum. Er hat überlebt. Wortlos nimmt er seine Frau mit.

Seit seinem Debüt „Ehen in Philippsburg“ hat Walser immer wieder über Ehen geschrieben, auch über solche, die keine sind.

Die Halms steigen in den Zug in den Süden. Die Ehe hat sich durch das Erlebte gefestigt. Helmut hat eine Geschichte zu erzählen: „Plötzlich drängte Sabine aus dem Strom der Promenierenden hinaus und ging auf ein Tischchen zu, an dem noch niemand saß.“

Die Novelle endet also mit dem ersten Satz.

In fünf Jahren feiert die Erzählung ihren 50. Geburtstag.

Martin Walser: Ein fliehendes Pferd. Novelle. Suhrkamp Verlag, 1978

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