Ein Zauberer aus Norwegen lässt die Titanic untergehen

Am 6. Juni 1965 wurde Erik Fosnes Hansen in New York geboren, er wuchs jedoch in Norwegen auf. Der Schriftsteller kann auf ein bedeutendes Werk zurückblicken. Jetzt wird er 60 Jahre alt.

Vor 30 Jahren stellte er bei einer Lesung im Wilhelmspalais in Stuttgart seinen Titanic-Roman „Choral am Ende der Reise“ vor. Die damalige Lesung hielt einige Überraschungen bereit.

 Zauberer wollte er sein und Wundergeist, gesteht der schmächtige Norweger zu Anfang. Und damit ihm jeder glaubt, löst der Schriftsteller ein Taschentuch vor den Augen des Publikums in Luft auf. „Ein alter Trick“, bemerkt er beiläufig, aber er verrät ihn nicht.

Dieses Federgewicht ist also der Autor des dickleibigen Meisterromans „Choral am Ende der Reise“, des Schmökers über die Bordmusiker der „Titanic“, den man so unersättlich verschlungen hat.

Erik Fosnes Hansen ist nicht zum ersten Mal in der schwäbischen Landeshauptstadt. Er hat zwei Jahre studienhalber in Stuttgart verbracht. Damals, er war 20, erschien in Norwegen sein Debütroman „Falkenturm“ und die Journalisten suchten verzweifelt nach dem Gipfelstürmer, der ihnen entkommen war. In Stuttgart begann er, unbeeindruckt vom frühen Erfolg, sein zweites Buch, den Titanic-Roman (Schwaben wurde zu einem seiner Schauplätze). Sein Wiedersehen mit Stuttgart, meint Hansen, hätte er auch in einem Biergarten gefeiert. Aber ebenso gern stellt er sich seinen Lesern in der Bibliothek am Wilhelmspalais.

  Dem jungen Mann, der einst von der Schule flog, geht jede akademische Haltung ab. Seinen Gesprächspartnern stiehlt er die Show. Die beiden respektvollen Germanisten, um tiefschürfende Deutung des Romans bemüht, erleiden einen Schiffbruch nach dem anderen. Sie geben sich angestrengt Mühe, eigenes Licht in den Titanic-Wälzer zu bringen. Der junge Autor hört aufmerksam zu, reibt sich dann die Nase: „Das hört sich ja düster an.“ Und winkt bedauernd ab. Es sei reiner Zufall, dass er es so und nicht anders geschrieben habe. Im übrigen seien Fußfälle vor dem Werk fehl am Platz: es „ist doch nur Literatur“.

Wie er sich gibt, so schreibt er. Leichthändig und geschickt führt er die Feder. Sein Titanic-Schmöker, mehrstöckig angelegt und in jeder Faser aufs Ende hin komponiert, zieht die Register traditionellen Erzählens. Hansen schaltet und waltet wie ein großer Regisseur. Aus der Ferne bestaunt er das „Fabelwesen“ Titanic. Oder er sitzt allwissend zwischen seinen Figuren, den Bordmusikern. Und legt den Zerbrochenen dann und wann freundschaftlich den Arm um die Schulter. So genau er seine Figuren charakterisiert, ihr letztes Geheimnis gibt er nicht preis.

Hansen pflegt das gute,alte Erzählen im Kielwasser Charles Dickens oder Thomas Manns auf eigene Weise, still und wenig pompös. Avantgardistische Verrenkungen liegen dem Norweger fern.

2021 erschien von Fosnes Hansen „Ein Hummerleben“, ein Jahr später „Zum rosa Hahn“.

Im März 2025 war der Schriftsteller zu Besuch in Deutschland: auf der Leipziger Buchmesse.

Das Deutsche und noch einige andere Sprachen beherrscht er gut. Weil die Bordmusiker aus den unterschiedlichsten Ländern stammen, ist „Choral am Ende der Reise“ ein großer europäischer Roman.

Erik Fosnes Hansen: Choral am Ende der Reise. Aus dem Norwegischen übersetzt von Jörg Scherzer. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 2019. 512 Seiten, 14 Euro. 

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