2024 war auch ein Uwe-Johnson-Jahr. Johnson wurde am 20. Juli 1934 in Pommern geboren, und starb vermutlich in der der Nacht vom 23. auf 24. Februar 1984 im englischen Sheerness on Sea. Wäre Johnson so alt geworden wie sein Freund Martin Walser, wäre er ein heißer Kandidat für den Nobelpreis gewesen. Johnson ist ein Autor, der auch deutschen Viellesern kein Begriff ist. Dabei hat er mit seinen „Jahrestagen“ ein überragendes Meisterwerk geschaffen. Johnson stand lange im Schatten von Günter Grass, den er aber überragte. Einer der größten New York-Romane stammt von diesem Mecklenburger. Johnsons Heldin Gesine Cresspahl arbeitet in einer Bank in New York. Wir folgen ihr auf ihren Wegen durch die Stadt. Mecklenburg, wo Gesines Wurzeln liegen, taucht in der Weltmetropole immer wieder auf, in der Spiegelung einer Glasfassade etwa. In Mecklenburg beginnt die große Familiensaga.
„Jahrestage“ sind Uwe Johnsons Hauptwerk. Als der erste Band erschien, urteilte der Starkritiker Marcel Reich-Ranicki: „Am Ende wird der Roman 1500 Seiten umfassen. Also wird es schiefgehen.“ Er irrte sich doppelt: Am Ende hatte der Roman 1891 Seiten, und er wurde ein einzigartiges Werk der Weltliteratur.
Der Roman beginnt am Atlantik. Genauer kann man eine Welle nicht beschreiben. Man muss schon hier an die „Buddenbrooks“ denken. Will Johnson in Konkurrenz zum bewunderten Lübecker treten? Will er demonstrieren, das kann ich auch, und vielleicht sogar besser? Der Stil erinnerte manchen Kritiker an den großen Familienroman von Thomas Mann. „Jahrestage“ sind ja auch eine Familiensaga. Die Familie im Fokus heißt nicht Buddenbrook sondern Papenbrock. Ausgiebig wird aus Thomas Manns Werk zitiert etwa aus den Novellen „Tristan“ und „Tonio Kröger“. Der junge Johnson verliebte sich in eine hübsche Blonde und erfährt etwas später, dass Thomas Mann diese Geschichte schon aufgeschrieben hat, in „Tonio Kröger“, Leben als Zitat. Zitate gibt es in Johnsons Hauptwerk in großer Fülle. „Dann bildete sich der Schriftsteller im Strom der Welt“, lautet ein zentraler Satz. Das ist eine Goethe-Anspielung. Thomas Mann, die Zitate zeigen es, war ein wichtiger Autor für Johnson. Bei der Arbeit an „Jahrestagen“, verriet er, habe er ständig Lübeck im Blick gehabt.
Die Hauptfigur lässt sich von den Wellen tragen. Thomas Mann liebte das Meer, und er beschrieb es genau. Ein Kapitel im „Zauberberg“ lautet: „Strandspaziergang“. Mit einem Strandspaziergang beginnen auch die „Jahrestage“. Aber nicht nur Idyllen entfaltet dieser riesige Roman. Johnson setzt sich auch mit deutscher Schuld im 20. Jahrhundert, mit dem Holocaust auseinander.
Die Romantetralogie beginnt am 20. August 1967. Ein Jahr lang, von Tag zu Tag erzählt Gesine aus ihrem Leben, aus der Geschichte ihrer Vorfahren in Mecklenburg und von ihrer Zeit in New York, der Gegenwart. Es ist aber kein Tagebuch. Denn es wird erzählt. Weil ihre Arbeit in der Bank ihre Zeit absorbiert, schließt sie mit Uwe Johnson einen Pakt: Er erzählt für sie.
Uwe Johnsons erster Roman „Ingrid Babendererde“ wurde vom Verleger Peter Suhrkamp abgelehnt, zu viel Sommer, Sonne und Segeln, monierte er, so erschien der erstaunliche Roman posthum. Schon hier wird ein großer, reflektierter, formbewusster Autor sichtbar, sein Stil ist kantig und spröde. So wurde seine „Mutmassungen über Jakob“ zum Debüt. Uwe Johnson war 25 Jahre alt, als sein erster Roman erschien, das verbindet ihn mit Thomas Mann, der auch mit 25 Jahre debütierte. Allerdings sind die „Mutmassungen“ viel schwieriger zu lesen. Man müsse den Roman so langsam lesen, wie er geschrieben wurde, bemerkte Uwe Johnson. Und er schrieb ein Jahr daran. Leichter lesen sich „Jahrestage“. Wie schon erwähnt, dachten viele Kritiker an den Stil der „Buddenbrooks“. Die im ersten Satz beschriebene Welle ist fast ein „Buddenbrooks“-Zitat. Am Anfang der „Jahrestage“ werden auch die „Mutmassungen“ zitiert. So stellt der Erzähler Kontinuität her.
„Jahrestage“ sind ein beeindruckender Jahrhundert-Roman, dessen Handlung rund 80 Jahre deutscher Geschichte umspannt und zu dem man immer wieder zurückkehren wird. Lange sah es so aus, als würde Johnson ihn nicht vollenden können. Johnson litt an einer Schreibhemmung. Aber sein Verleger Siegfried Unseld drängte ihn unermüdlich, freundlich und freundschaftlich: Schließlich schloss Johnson die Arbeit an seinem Hauptwerk ab, ein Jahr vor seinem frühen Tod. Für viele Leser wäre dieser Riesenroman eine Entdeckung. Reich-Ranicki musste sein kritisches Urteil nach der Lektüre des vierten Bandes zurücknehmen. Heinrich Bölls Satz erwies sich als prophetisch: „Spätere Zeiten erst werden seine Größe wahrnehmen.“
Uwe Johnson: Jahrestage 1-4. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Suhrkamp Verlag, 2013. 2150 Seiten, 48 Euro.
