Ein aufregender Briefwechsel

Dieser Briefwechsel ist mehr als ein Briefwechsel, er ist ein Drama, fast ein Krimi, ein Schlagabtausch zwischen einem genialen Schriftsteller und seinem genialen Verleger. Thomas Bernhard attackiert immer wieder, fordert von seinem Verleger hohe Summen, fühlt sich von seinem Verlag im Stich gelassen, Siegfried Unseld reagiert zunächst mit großer Geduld, mit Umsicht und Nachsicht.

Thomas Bernhard war der große Einzelgänger der deutschsprachigen Literatur. In seinem ersten Roman „Frost“ heißt es: „Jedenfalls war ich früh allein gelassen, vielleicht schon immer allein gewesen.“ Siegfried Unseld war einer der wenigen Menschen, denen sich der österreichische Autor öffnete, die er an sich heranließ. Immer wieder suchte er das Gespräch mit ihm. Über 500 Briefe tauschten sie aus. Allerdings muss Unseld einiges ertragen. Immer wieder provoziert Bernhard in der Öffentlichkeit Skandale. Unseld steht zu seinem Autor.

Bernhard unterhielt eine Hassliebe zu seiner Heimat Österreich. Überall in Österreich sah er den Nazismus am Werk, überall regierten seiner Auffassung nach Dummheit, Ignoranz, der Stumpfsinn. Wenn Bernhard zu weit geht, warnt der Verleger. Am Ende resigniert er. Bernhard hat, gegen alle Absprachen, sein neuestes Werk einem anderen Verlag anvertraut. Unselds letztes Schreiben ist ein Telegramm,: „fuer mich ist eine schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten, […] ich kann nicht mehr.“ Bernhards Antwort: „wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, ´nicht mehr können´, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.“ Dieser Briefwechsel (kompetent und umfassend kommentiert) beweist das Gegenteil. Bernhard war Unselds schwierigster Autor. Und er war enorm produktiv, besessen vom Schreiben. Früh stellt Bernhard in diesem Briefwechsel fest, dass „ich ausser dem Schreiben wenig andere Interessen habe“. So erklärt sich sein immenser Ausstoß an Büchern. Zu wenigen Menschen knüpfte er Kontakte.

Ende der siebziger Jahre ist Thomas Bernhard schwer krank. Die Ärzte geben ihm noch zwei Jahre. Sein unbändiger Wille hält ihn zehn Jahre am Leben! Er wurde trotzdem nur 58 Jahre alt. Er starb am 12. Februar 1989 im österreichischen Gmunden. Krankheit, Verfall und Tod waren seine Themen. Sein Verleger schreibt: „Thomas Bernhard ist tot. Es war zu erwarten und ist doch schwer zu fassen.“

Thomas Bernhard/Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Herausgegeben von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer. Suhrkamp Verlag, 2011

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