Vor vielen Jahren besuchte ich mit meiner ehemaligen Deutschlehrerin eine Lesung des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa in Tübingen. Das war lange vor der Verleihung des Literaturnobelpreises. Hunderte kamen. Kampfszenen um die letzten Karten. Der Andrang war so gewaltig, dass viele Interessenten nach Hause geschickt werden mussten. „Der Tod in den Anden“ hieß das neuste Werk des gefeierten Romanciers.
Ich dachte, der Titel stamme von Vargas Llosa, ein Verweis auf den „Tod in Venedig“ oder Wolfgang Koeppens „Tod in Rom“: Der spanische Titel ist weniger pompös: „Lituma in den Anden“. In Peru weiß jeder, wer Lituma ist, ein Polizist.
Der peruanische Grandseigneur las Ausschnitte aus seinem aktuellen Buch, ein Tübinger Schauspieler trug die deutsche Übersetzung vor. Danach gab der Autor Auskünfte zu seinem Schreiben. An einen Satz erinnere ich mich: „Ich versuche meine Geschichten fertig zu machen, bevor sie mich fertig machen.“ Schreiben als Kampf.
Ich habe nicht viel von Vargas Llosa gelesen: zunächst „das grüne Haus“, einen komplexen Roman mit mehreren Handlungssträngen, ein virtuoses Frühwerk. Das „grüne Haus“ ist ein Bordell.
Sehr unterhaltsam fand ich „Tante Julia und der Kunstschreiber“, auch etwas überdreht. Er verarbeitet die Liaison zu seiner 16 Jahre älteren Tante Julia. In unserer Ortsbücherei gab es nur wenige Romane des Peruaners, etwa „Lob der Stiefmutter“, das ich auslieh, ohne zu wissen, was auf mich zukam. Der Freund meines Vaters, ein belesener Psychiater, sagte: „Es ist ja ein erotischer Roman!“
Weltberühmt wurde Vargas Llosa nicht nur durch seine Bücher, sondern auch durch seine Kandidatur für das Präsidentenamt in Peru.
Es durften Fragen gestellt werden. Ein Besucher stand auf: „Ich habe Peruaner gefragt, was sie zum Essen bekommen würden, wenn Vargas Llosa Präsident werde, die lakonische Antwort lautete: „Bücher“. Er unterlag dem Außenseiter Alberto Fujimori. Die Peruaner misstrauten der Beredsamkeit des Kandidaten, ein Büchermensch als Staatsoberhaupt? Das kann doch nicht gut gehen. Zeitweise war der Peruaner mit dem Kolumbianischen Starautor Gabriel García Márquez befreundet. Es kam zum Bruch. Vargas Llosa ließ die Fäuste sprechen. Eine Freundschaft endet im Kampf.
Etwas später, ich studierte schon in Tübingen, lernte ich zwei Romanistik-Studentinnen kennen. Sie meinten, Vargas Llosa sei ein sehr anspruchsvoller Autor. 79 Ehrendoktortitel hat er erhalten.
Der Meister der Kurzgeschichte John Updike, schrieb Mitte der achtziger Jahre: Der Peruaner habe „Gabriel Garcia Marquez als der südamerikanischen Romancier abgelöst, bei dem Gringos etwas nachzuholen haben.“
„Senor Vargas Llosa beherrscht das Spiel, und die Aufmerksamkeit des Lesers für die Virtuosität des Autors ist in diesem Fall („Maytas Geschichte“) bereits in die komplizierte und spannende Struktur seiner Geschichte eingeschrieben“, meinte John Updike, der Wortvirtuose. Er muss es wissen.
Stark ist der Beginn von „Der Fisch im Wasser“, eine Autobiographie des Autors. Mit Gewinn habe ich „Die Wahrheit der Lügen. Essays zur Literatur“ gelesen. Einer der schönsten Aufsätze ist die Hymne auf „Die Blechtrommel“ von Günter Grass. Viele wunderbare Romane warten auf mich. Einige werde ich lesen.
Was ist ein Weltautor? Ein Autor, der auf der ganzen Welt gelesen wird.
Am 13. April ist der Weltautor aus Peru im Alter von 89 Jahren in Lima verstorben.
Seine Bücher sind im Suhrkamp-Verlag erschienen.
