Mit einem Paukenschlag bzw. einem Trommelwirbel begann es: 1959 eröffnete die „Blechtrommel“ die „Danziger Trilogie“ von Günter Grass, einen eigenartigen und einzigartigen Werkkomplex. Zwei Jahre später folgte die wunderbare Erzählung „Katz und Maus“. 1963 fand die Trilogie mit „Hundejahre“ ihren Abschluss. Was Grass in diesen drei Büchern an Themen und Motiven unterbringt, würde anderen Schriftstellern für ein Lebenswerk reichen.
Schon die „Blechtrommel“ lebte vom Schauplatz Danzig. Mit dem Debütroman war er noch nicht erschöpft. Grass erschließt in „Hundejahre“ neue Winkel seiner Heimatstadt:das Realgymnasium in der Fleischergasse etwa, eine altehrwürdige Schule, die auf unterirdischen Gängen erbaut ist, die von den Protagonisten erkundet werden. Darüber hinaus gibt es die Aktien-Brauerei mit Teich, daneben den Eiskeller, einen Tischlereihof, auf dem viel passiert, der Jäschkentaler Wald mit dem Gutenberg-Denkmal, der Erbsberg. Das sind nur die wichtigsten Schauplätze.
Aus der „Blechtrommel“ vertraute Orte erscheinen in neuem Licht: „Mein Vater führte uns alle nach Oliva. Dort nahmen wir die Straßenbahn nach Glettkau. Bis zum nebligen Horizont war die Ostsee zugefroren. Der Glettkauer Seesteg blitzte bizarr vereist. […] Von Glettkau ging es über die knisternde See nach Brösen.“ Auf diesem hohen Niveau bewegt sich die Sprache.
Man kann viel gegen diesen ausufernden Roman sagen: Es gibt Absätze, die so wortreich sind, dass man sie nur überfliegt. Grass treibt mit den Erzählerfi-guren ein Verwirrspiel. Trotzdem ist es ein anregende und aufregende Lektüre. Aus einem einfachen Grund: Kreativ und virtuos geht Grass mit der Sprache um. Die Hauptfigur Eddi Amsel etwa ist ein Prügelknabe: „Wie die Spiele der Jugend auch hießen, er musste mitspielen, vielmehr, es wurde ihm mitgespielt.“
Günter Grass besitzt einen ganz eigenen Ton. Fontane bemerkte einmal: „Er hat etwas Eigenes zu sagen, und nur darauf kommt es an.“ Das genau trifft auf Grassens Werke zu. Grass ist ein wortgewaltiger Fabulierer, mit einer skurrilen, kaum zu bändigen Phantasie.
Am Anfang der „Hundejahre“ strömt die Weichsel, so kommt der Erzählfluss in Gang. „Einer muss anfangen: Du oder Er oder Sie oder ich: Vor vielen vielen Sonnenuntergängen, lange bevor es uns gab, floß, ohne uns zu spiegeln, tagtäglich die Weichsel und mündete immerfort.“
Schon auf der ersten Seite wird das Bergwerk beschrieben, dem der Erzähler Brauxel vorsteht. Immer wieder wird versichert, dass hier keine Kohle, kein Erz oder Kali gefördert werden. Das Bergwerk mit seinen Kammern und Stollen ist ein Bild für die Vielschichtigkeit des Romans.
Eigentlich sind es mehrere Romane: die Geschichte einer Freundschaft, die Entwicklung eines Künstlers, eine Hundegeschichte, ein Buch über Musik und Ballett, ein Zeitporträt, ein Denkmal für die Stadt Danzig. 100 kleine und große Geschichten sind in Danzig und Umgebung angesiedelt. Namen wie Neufahrwasser oder Langfuhr sind gleichzeitig prosaisch und poetisch. Danzig ist die Welt, eine untergegangene Welt. Langfuhr heißt heute Wrzeszcz
In Langfuhr wurde Grass 1927 geboren. Auf Seite 348 der „Hundejahre“ heißt es: „Es war einmal eine Stadt.“ Und später: „Langfuhr war so groß und so klein, daß alles, was sich auf dieser Welt ereignete oder ereignen könnte, sich auch in Langfuhr ereignete oder hätte ereignen können.“
Auch Oskar Matzerath, der zwerg-wüchsige Trommler, hat einige Auftritte. In der „Blechtrommel“ wurde die disparate Fülle der Einfälle und Vorfälle durch diese Zentralfigur zusammengehalten. Im zweiten Roman ist das nicht mehr der Fall. Grass ist ein großer Geschichtenerzähler, der dazu neigt, sich in Details und einzelnen Episoden zu verlieren. Diese Komplexität führt dazu, dass „Hundejahre“ nicht so einfach zu lesen sind wie etwa die Novelle „Katz und Maus“, die ja auch von dem Stadtmikrokosmos lebt.
Im Zentrum steht die Freundschaft zwischen Eddi Amsel und Walter Matern. Beide sind Künstler: Eddi Amsel malt und zeichnet, und er konstruiert Vogelscheuchen, in denen er seine Umgebung porträtiert, der Müllersohn Walter Matern ist Schauspieler.
Grass, der ja auch Zeichner ist, sieht seine Figuren von Außen, als wären sie Gegenstände. Was in ihrem Inneren vorgeht, muss man aus ihrem Verhalten erschließen. Von Matern etwa lesen wir immer wieder, dass er mit den Zähnen knirscht.
Am Ende des Romans erfährt man, wozu das Bergwerk benutzt wird: Hier werden Amsels Vogelscheuchen hergestellt, eine moderne Unterwelt… Aber warum müssen diese unter Tage produziert werden?
Wie auch immer. Ein passionierter Geschichtenerzähler führt hier die Feder. „Vor langer langer Zeit“ beginnt ein Kapitel. Immer wieder greift der Erzähler die Formel „Es war einmal“ auf. Grass ist einer der letzten Märchenerzähler
Das Niveau der „Danziger Trilogie“ hat er nie wieder erreicht.

Günter Grass: Hundejahre. Neue Göttinger Ausgabe Band 6, Steidl Verlag, 2022.