Die Gewaltherrschaft der Deutschen in Ostafrika – Gurnahs Roman „Nachleben“

Als 2021 der neue Literaturnobelpreisträger bekannt gegeben wurde, waren Abdulrazak Gurnahs Bücher in Deutschland nicht erhältlich. Es dauerte einige Zeit, bis man diese Lücke schließen konnte. Sein neustes Buch „Nachleben“ erschien ein Jahr nach der Nobelpreisverleihung auf Deutsch, und gerade in Deutschland sollte es gelesen werden. Dokumentiert wird die deutsche Gewaltherrschaft an der afrikanischen Ostküste. Die Deutschen sind berüchtigt für ihre Disziplin und ihre Grausamkeit. Aber es gibt auch einsichtige Geister, die Schulen und Krankenhäuser in Afrika aufbauen.

Der Roman liest sich leicht, denn er ist einfach und anschaulich geschrieben.

Der Autor ist auf Sansibar geboren, in Tansania aufgewachsen, als zwanzigjähriger Flüchtling kam er nach Großbritannien, wo er auch studierte. Er hatte eine Professur für englische und postkoloniale Literatur an der Universität von Kent inne.

An der Ostküste Afrikas kennt er sich gut aus.

Am Anfang wird Khalifa vorgestellt, eine der wichtigen Romanfiguren. Sein Vater schickt ihn zu einem Privatlehrer in die Nachbarstadt, der ihn in Mathematik, Buchführung und Englisch unterrichten soll. Bildung ist ein hohes Gut. Zur Freude seines Vaters beweist Khalifa ein großes Talent für Lesen, Schreiben und Buchführung.

Khalifa kann es gar nicht erwarten, von seiner Familie loszukommen, die immer noch auf dem Lande des Großgrundbesitzers wohnt. Sein Vater ist dort als Buchhalter angestellt.

Mittlerweile haben die Deutschen alle Revolten in Deutsch-Ostafrika unter Kontrolle gebracht oder wenigstens glauben sie das.

In diesem Roman überzeugen die knappen Porträts. Der Kaufmann „Amur Biashara war kein schwieriger Arbeitgeber. Er war ein kleiner eleganter Mann mit sanftem, leisem Auftreten, der regelmäßig die Moschee besuchte.“ Für den Kaufmann ist Khalifa wie ein Sohn. Sein Land befindet sich in einem permanenten Kriegszustand.

Vor diesem Hintergrund spielt die Liebesgeschichte zwischen Asha und Khalifa, sie zwanzig, er einunddreißig. „Es dauerte eine Weile, bis sie seine Leidenschaft erwidern und ihm ihre Geschichte erzählen konnte.“

Khalifa und Asha heiraten Anfang 1907. Rebellionen brechen aus.

„Die Deutschen waren als Nachzügler in diesen Teil der Welt gekommen.“ Allein mit Gewalt kann man eine Kolonie nicht regieren. Die Kolonialverwaltung gründet Schulen. „In Khalifas Stadt gab es bereits eine weiterführende Einrichtung, die junge Afrikaner zu Beamten und Lehrern ausbildete.“

Kurz vor Amur Biasharas plötzlichem Tod kommt Ilyas in die Stadt. Er hat ein an den Direktor einer großen deutschen Sisalfarbik adressiertes Empfehlungsschreiben in der Tasche.

Ilya und Khalifa werden Freunde, sie könne offen über alles reden.

Ilya erzählt: Er sei mit 11 Jahren von zu Hause weggelaufen, wurde von Soldaten aufgegriffen und in ein Bergdorf entführt. Dort begegnet er seinem ersten Deutschen. In der Missionsstation wird er befreit. Er ist zu jung zum Arbeiten, deshalb besucht er die Kirchenschule.

Nach Jahren sucht Ilya das Dorf der Eltern auf und erfährt, dass sie gestorben sind. Seine Schwester Afiya ist zu Pflegeeltern gegeben worden, die sie wie eine Sklavin behandeln. Ilya sucht die Familie auf und nimmt die Schwester mit. In der Stadt bringt er ihr Lesen und Schreiben bei. Ilya folgt den Deutschen in den Krieg.

Auch Hamza hat sich freiwillig den deutschen Truppen angeschlossen, ein Vorgesetzter findet Gefallen an ihm. Der Offizier will Hamza Deutsch beibringen. „Für den Offizier war das ganze ein Spiel, und er freute sich über Hamzas schnelle Auffassungsgabe.“

„Du machst dich sehr gut“, lobte er ihn „aber für Schiller bist du noch nicht bereit.“ Das ist die Gegenwelt zur Gewaltherrschaft der Deutschen in Afrika: Schiller und der deutsche Idealismus.

„Du bist ein Träumer“.

Über Hamza wird gesagt: „Manchmal war er einfach nur verzweifelt.“

Von einem hasserfüllten Feldwebel wird er lebensgefährlich verletzt. Der deutsche Pfarrer einer Krankenstation nimmt ihn auf, pflegt ihn und rettet ihm das verletzte Bein und das Leben. Der Offizier hat ein deutsches Buch da gelassen, das für Hamza bestimmt ist. Hamza kann deutsch lesen, aber Schiller ist vielleicht noch zu schwierig. Bei dem Buch handelt es sich um Schillers Musenalmanach des Jahres 1798.

Nach Jahren der Wanderschaft kehrt Hamza in seine Stadt an der Ostküste zurück. Früher gehörte sie den Deutschen, jetzt ist sie britische Kolonie. Sie ist ihm fremd geworden. Beim Kaufmann Nassor Biashara, dem Sohn von Amur Biashara, findet er einen Anstellung, zunächst als Nachtwächter der Lager. Dort lernt er Khalifa kennen. Die erste Nacht in der Stadt verbringt er auf der Straße. Khalifa überlässt ihm dann eine Kammer in seinem Haus. Dort begegnet er der hübschen Afiya. „Manchmal ging sie vorbei und grüßte nicht, aber auch das fand er sehr aufregend.“ Biashara hat keine Arbeit mehr für ihn, er erhält eine Tätigkeit in einer Tischlerei, in der er ganz aufgeht.

Sie fragt nach seiner Verletzung: „Eines Tages werde ich es dir erzählen“

Gibt es einen wichtigsten Satz in „Nachleben“? Vielleicht diesen: „Das Glück ist nicht von Dauer“. Aber ein Roman kann es festhalten.Das Glück ist flüchtig, aber es war da.

Hamza und Afiya finden das Glück. Sie heiraten schnell. Sie hat ihre Familie verloren, jetzt fürchtet sie, eines Tages auch Hamza zu verlieren. Aber er versichert ihr, dass das nicht passieren wird. Ihrem Sohn geben sie den Namen von Afiyas Bruder: Ilya. Er besitzt eine überbordende Phantasie und denkt sich Geschichten aus. Er macht sich auf die Suche nach seinem Onkel Ilya. Die Spur führt nach Deutschland.

Abdulrazak Gurnah: Nachleben. Penguin Verlag, 2022

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