Der Vorleser Kurt Oesterle

Ab und zu las Kurt Oesterle seinem ehemaligen Lehrer Walter Jens vor, der allerdings nichts mehr verstand, weil er seit einigen Jahren unter unheilbarer Demenz litt. Der greise Gelehrte, der nach wie vor in Tübingen lebte, begriff keine Worte mehr, wohl aber reagierte er auf Rhythmus und Melodie der Sätze. Von diesen Lesungen erzählt Inge Jens am Ende ihrer „Unvollständigen Erinnerungen“: „Der Duktus des Vorgelesenen, der Rhythmus der Sprache scheint Assoziationen zu wecken, vor allem dann, wenn nicht ich, sondern sein einstiger Schüler Kurt Oesterle ihm vorliest. Dann hört er häufig intensiv zu.“

Dass Oesterle ein fesselnder Vorleser ist, konnte man auch im Alten Rathaus Weil im Schönbuch erleben, es ist schon etwas her. Dort trug der Tübinger Schriftsteller sehr deutlich und lebendig Szenen aus zwei Romanen vor.

Man lernte zwei ähnliche Dörfer und zwei ganz unterschiedliche Figuren kennen: der eine ist süchtig nach den Bildern des Fernsehers („Der Fernsehgast“), der andere denkt sehnsüchtig an Dresden, das ihm nicht mehr zugänglich ist, weil er aus der DDR geflohen ist. („Der Wunschbruder“). Was der eine im Überfluss besitzt, vermisst der andere schmerzlich: Heimat. Dieses Motiv verbindet beide Romane. Auf Heimat versteht sich der Autor, sie will er durchsichtig machen, wie er in Weil erläuterte. Er komme nicht nur aus der Provinz, sondern auch vom Journalismus her: Seine Geschichten sollen verstanden werden.

Viele große Autoren sind große Vorleser: Man denke nur an Martin Walser und Günter Grass. Thomas Mann zelebrierte das Vorlesen förmlich: So testete er die unmittelbare Wirkung des Geschriebenen. Ein suggestiver Vorleser ist auch Kurt Oesterle.

Der Lesung aus dem noch unveröffentlichten Manuskript schickte er in Weil eine Warnung voran: „Ich hoffe, der Schock trifft Sie nicht zu hart.“ Denn der Ton ist hier eisiger als im Erstlingswerk „Der Fernsehgast“. Im Mittelpunkt einer Szene steht ein Lehrer, der eine kauzige, aber auch gewalttätige Figur ist: Immer wieder schlägt er zu. Seine Schüler beherrscht er. Verwundert schildert der Ich-Erzähler diesen Menschen.

Am Ende der Lesung wurden viele Fragen gestellt, natürlich wollten die Zuhörer wissen, wie autobiographisch die vorgestellten Romane sind. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: So genau kann man die vergegenwärtigten Welten nur beschreiben, wenn man sie gut kennt.

Kurt Oesterle: Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen. Roman. Klöpfer & Meyer, 2002

Kurt Oesterle: Der Wunschbruder. Roman. Klöpfer & Meyer, 2014

Am heutigen Samstag wird Kurt Oesterle, dieser feinsinnige Erzähler, 70 Jahre alt.

Bild: Da Maddalena / Quelle: https://www.kurt-oesterle.de/vita.php

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