2021 und 2022 waren Proustjahre: Am 10. Juli 1871 kam der Romancier in Neuilly-Auteil-Passy zur Welt. Am 18. November 1922 starb er in Paris. Als Nachtrag zu diesen Jahrestagen sei hier ein bemerkenswerter Briefwechsel zwischen den Freunden Marcel Proust und Reynaldo Hahn vorgestellt, der vor einigen Jahren erschienen ist. Hahn war ein französischer Komponist, Sohn des aus Hamburg stammenden jüdischen Kaufmanns, Ingenieurs und Erfinders Carlos Hahn.
Proust war ein manischer Briefschreiber. Tag für Tag verfasste er Briefe. Ein Brief erlaubt Kommunikation auf Distanz. Was Sylvia Plath über sich bemerkte, hätte Proust auch von sich sagen können: „Briefe liebe ich, für Briefe lebe ich.“
Der Komponist Reynaldo Hahn war der wichtigste Mensch in seinem Leben, nach der Mutter. In einem Brief schreibt er: „Sie sind wahrhaftig neben Maman diejenige Person, die ich am meisten liebe auf der Welt.“
Entsprechend bedeutsam ist der Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller und dem Komponisten. Diese gewichtige Korrespondenz ist vor sieben Jahren in einer schönen Ausgabe bei Reclam herausgekommen.
1894 lernen sich Proust und Hahn auf einer musikalischen Soiree kennen, es ist Sympathie auf den ersten Blick, die beiden schmieden Pläne für gemeinsame Arbeiten und Reisen. Etwas später setzt der Briefwechsel ein.
„Da Maman gestern abgereist ist, hatte ich heute einen schlechten Vormittag.“ (24. 9. 1894)
Die Mutter wird am Anfang der „Suche nach der verlorenen Zeit“ eine wichtige Rolle spielen. Geschildert werden die Dramen des Zu-Bett-Gehens. Der kleine Marcel ist untröstlich, wenn die Mutter nicht im Schlafzimmer erscheint, um ihm Gute Nacht zu sagen.
Eine Dame bemerkt, Prousts Verse an R. Hahn seien gut. „Ich habe ihr geantwortet, dass man immer inspiriert ist, wenn man von dem spricht, was man liebt. In Wahrheit sollte man niemals von etwas anderem sprechen.“ Proust ist auf diese Verse stolz und bittet um Verbreitung.
„Sie wissen, Genstil, dass Ihnen mein Geld zur Verfügung steht, wenn sie welches brauchen.“ Mit Genstil ist Proust gemeint, die Briefschreiber finden für einander Nonsens-Namen in großer Fülle.
Proust formuliert seine Poetik: „Man muss immer davon ausgehen, dass die Intelligenz des Dichters und seine Sensibilität einen Pakt eingehen, von dem er selbst nichts weiß, dessen Spielball er aber ist.“ Aber solche Auslassungen zum Wesen des Schreibens sind in diesem Briefwechsel selten.
Manchmal sind auch die Fußboten bemerkenswert: Der große romantische Schriftsteller Alfred de Musset bekämpft seine Depressionen mit Alkohol. In einer anderen Fußnote wird Tolstois Verriss von Shakespeare zitiert: „das ganze Werk strömt tödliche Langeweile aus.“
Wagners „Tannhäuser“ langweilt Proust über weite Strecken. Merkwürdig, dass ihm die Ouvertüre nicht gefallen hat.
Der Briefwechsel setzt wie gesagt 1894 ein. In dieser Zeit schrieb Fontane seine bedeutendsten Briefe. Es gibt einen Unterschied: Einzelne Proustsätze muss man mehrmals lesen, bei Fontane versteht man alles auf Anhieb. Im Falle Fontanes sind die Briefe so bedeutend wie die Romane, bei Proust nicht. Fontane schreibt über seine Arbeit, die Mühen des Korrigierens vor allem. Proust erlaubt keine Einblicke in seine Werkstatt. Proust schreibt fast gar nicht über seine Arbeit, sein Schreiben. Ausführlich berichtet er dagegen von Begegnungen in den Salons der High Society. Das Interesse an der Gesellschaft hat Proust mit Fontane gemein. Proust ist aber kein plastischer Plauderer wie Fontane.
Im Briefwechsel mit Hahn ist dessen musikalisches Werk kaum ein Thema. Es gibt keinen Dialog zu Hahns Kompositionen. Prousts Briefe sind gespickt mit Zitaten aus der französischen Literatur, der Übersetzer Bernd-Jürgen Fischer hat sie aufgespürt. Proust beendet einmal einen Brief mit folgendem Zitat: „Der Schnee friedlich auf ihre nackten Schultern fällt“. Der Vers stammt von Musset. So schöne Sätze tauchen in diesem Briefwechsel auf.
Hunderte Personen bevölkern diese Korrespondenz, beide Briefschreiber waren Gesellschaftsmenschen, besuchten Abend für Abend die großen Salons der Seine-Metropole. Fischer stellt jede Person vor, hat jedes noch so unbedeutende Detail recherchiert, eine gewaltige Leistung
In der Beziehung zu Hahn gibt es auch Krisen: „ich spüre wie unbedeutend ich für Sie geworden bin“, schreibt Proust im Sommer 1896.
In diesem Briefwechsel tauchen kluge, auch traurige Sätze auf: Proust schreibt im Oktober 1914: „Seit langem bietet mir das Leben nur noch Ereignisse, die ich schon beschrieben habe.“
Der letzte Brief wurde von Reynaldo Hahn kurz vor dem 21. Oktober 1922 geschrieben. Bis zum Schluss blieben die Gefährten beim „Sie“.
„Mögen Sie Proust?“, wurde Vladimir Nabokov einmal gefragt.
„Mögen ist gar kein Ausdruck, ich bete ihn geradezu an.“
Eigentlich sollten immer Proustjahre sein.
Marcel Proust/ Reynaldo Hahn: Der Briefwechsel. Übers. und Hrsg. von Bernd-Jürgen Fischer. Reclam Verlag, 2018.
