Claire Keegans große Erzählung „Kleine Dinge wie diese“

Dieses Buch ist ein ideales Geschenk für Weihnachten, für sich oder für andere.

Seine Sprache ist schön einfach und einfach schön. Es ist ein schmales, aber gehaltvolles Buch, es hat etwas mehr als 100 Seiten.

 Die Autorin Claire Keegan ist 57 Jahre alt und Irin. Sie lebt in Irland und lehrt an der Universität Cambridge.  Zunächst wurde sie durch Kurzgeschichten bekannt, sie ist eine Meisterin der kleinen Form, außerdem eine Meisterin der Aussparung. Das zeigt sich auch in ihrem Buch „Kleine Dinge wie diese“, dessen Handlung in der irischen Kleinstadt New Ross angesiedelt ist. Seine Sprache ist nicht nur einfach, sondern auch genau. Es ist ein Buch für die Herbst- und Vorweihnachtszeit, wenn es früh dunkel wird und die gelben Blätter von den Bäumen trudeln, denn in dieser Zeit spielt die Erzählung. „Es war ein Dezember der Krähen. Derartig viele hatte man noch nie gesehen.“ Diese Krähen sind kleine Dinge.  In Erzählungen spielen kleine Dinge eine große Rolle.  Es ist eine erlesene Prosa:  „Er blieb einfach sitzen, lauschte dem Ticken der Uhr auf dem Kaminsims und dem schaurigen Pfeifen des Windes im Ofenrohr und war nicht unglücklich. Der Regen hatte wieder eingesetzt, prasselte heftig gegen die Fensterscheibe, und im Luftzug bewegte sich der Vorhang.“ Es ist eine Sprache, die an die der „Buddenbrooks“ erinnert. 

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Bill Furlong, Chef einer Kohlenhandlung.

 „Bill Furlong war aus dem Nichts gekommen.“ Als seine Mutter mit ihm schwanger ist, ist sie gerade 16 Jahre alt und Hausangestellte bei der kinderlosen Kriegerwitwe Mrs. Wilson, die sich nicht um das Urteil anderer Leute schert. Sie nimmt Mutter und Kind unter ihre Fittiche, so dass sie nicht, wie viele andere, in ein Kloster müssen. Zum selben Haushalt gehört noch Ned, der als Knecht dient. Mrs. Wilson fördert den kleinen Bill, als wäre er ihr eigenes Kind. Als Erwachsener kehrt er immer wieder zu ihr zurück.

 Furlong ist mit Eileen verheiratet und hat fünf Töchter. Sie leben in beengten Verhältnissen. Im  Irland des  Jahres 1985 herrschen harte Zeiten. Trotzdem ist er als Kohlenhändler sehr großzügig und beschenkt mittellose Menschen. Auch das nahegelegene Kloster beliefert er mit Kohlen. Dabei fallen ihm Frauen auf, die den Boden polieren. Im Kohlenschuppen des Klosters macht er eine schockierende Entdeckung.

 Im Kloster werden „gefallene Mädchen“ ausgebeutet: Sie müssen von morgens bis abends die Wäsche der Stadtbewohner reinigen und gehen dabei zugrunde. Furlong ist dankbar, dass seiner Mutter und ihm ein solches Schicksal durch die Fürsorge von Mrs. Wilson erspart geblieben ist.

Am Heiligen Abend trifft Bill eine mutige Entscheidung, bei der man nicht weiß, wie seine Frau darauf reagieren wird.

 Die Erzählung endet an Heilig Abend: mit einer Wanderung durch die dunkle Stadt im Schneefall. Es kann gut sein, dass man nach der Lektüre von „Kleine Dinge wie diese“ noch einmal von vorne beginnt.

Claire Keegan: Kleine Dinge wie diese. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Steidl Verlag, 2022. 112 Seiten, 20 Euro.

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