Band 3: Joachim Meyerhoff als Schauspielschüler

Zunächst lässt sich alles gut an: Der zwanzigjährige Joachim Meyerhoff wird ganz überraschend an einer Münchner Schauspielschule angenommen, und zieht bei seinen Großeltern ein, zu denen er ein  enges Verhältnis hat. Ihre Villa grenzt an den Park des Nymphenburger Schlosses. Die Großmutter war Schauspielerin, der Großvater Professor der Philosophie. Sie haben den jungen Meyerhoff geprägt.

„Meine Großeltern waren immer sehr gut gekleidet, sehr gepflegt, sahen blendend aus. Sie waren auf fast schon exotische Weise kultiviert. Doch in dieser Kultiviertheit auch ein wenig weltfremd und aus der Zeit gefallen.“ Diese Charakterisierung macht natürlich neugierig. Schon am Anfang zeigt sich, dass Meyerhoff ein Meister der Figurenzeichnung ist. Seine Figuren, vor allem seine Mitstudenten, sind keine Ideenträger, sondern Wesen aus Fleisch und Blut. Das gilt auch für die exzentrischen Großeltern:  Der Großvater: „ein klappriges Männchen auf dem Balkon mit Morgensonne im Haar“. Etwas später: die Großmutter und die Zigarette. „Ihr Gesichtsausdruck wurde sachlich, etwas männlich, und gierig sog sie an der Zigarette. Doch beim Ausatmen des Rauches war sie schon wieder pure Eleganz.“ Diese Großmutter ist eine interessante Frau.

Der Ich-Erzähler wird bestens mit Spirituosen versorgt: Morgens gibt es Sekt, mittags Weißwein, abends Whiskey, zum Abendessen Rotwein und als Abschluss Cointreau. Ist das nicht etwas viel Alkohol? Der „pappsüße Orangenlikör gab mir dann stets endgültig den Rest“, das ist etwas locker formuliert. Überhaupt die Sprache! Auf Seite 66 befinden sich tatsächlich drei Stilblüten, die markanteste: „Dabei wischte er auf seinem Stuhl mit dem Oberkörper so schnell hin und her wie ein Scheibenwischer im Platzregen.“ Oder einige Zeilen später: „Er war ein Freejazz-Motoriker und bewegte sich wie ein quirliges atonales Saxophonsolo.“ Das sind etwas überanstrengte Formulierungen. Leider sind das nicht die einzigen.  Die Alkoholaffinität zeigt es: Die großbürgerlichen Großeltern sind Dekadents.

Sie hören jeden Abend Musik. Beide verabscheuen Richard Wagner, und auch Mozart gehört nicht zu ihren Favoriten. Die Lieblingsdichter der Großmutter sind Paul Celan, Nelly Sachs oder Matthias Claudius. Im Haus der Großeltern begegnet Meyerhoff nicht nur dem Alkohol, sondern auch der Bildung, wie gesagt, die Großmutter war Schauspielerin.

Es gibt auch irritierende Szenen: Der Großvater „nahm mein Gesicht in seine von Altersflecken übersäten Hände, zog mich mit seinen knochigen, erstaunlich dünnen Finger  zu sich und küsste mich lange auf den Mund.“  Schon dieser Satz zeigt es: Meyerhoff kann virtuos mit Sprache umgehen.

 Völlig fremd ist dem jungen Meyerhoff das Theater nicht, hat er doch in der Theater-AG seiner Schule mehrere Bühnenauftritte mit einigem Erfolg absolviert. Er hat auch professionelle Theateraufführungen besucht, aber sich schrecklich gelangweilt. Eigentlich soll er bei der Aufnahmeprüfung drei Rollen vorführen, er hat aber nur eine vorbereitet, einen Monolog aus „Dantons Tod“ von Georg Büchner. Zu seiner großen Überraschung wird er angenommen. Die Zeit auf der Schauspielschule ist allerdings keine reine Zeit des Glücks, immer wieder macht er die Erfahrung der Leere, des Nebensichstehens, der Lücke in seiner Identität. Das ist eine Bedeutung des Romantitels.

Meyerhoff hat mit dem Gedanken gespielt, Arzt zu werden, wie der Vater, wie der verunglückte Bruder. Aber er weiß: „Nie hätte ich es geschafft, aus dem Schatten des hochgebildeten Vaters und des blitzgescheiten Bruders herauszutreten.“
 Brillant werden die Schauspielschüler bei ihrer ersten Zusammenkunft beschrieben.

Da gibt es eine junge Spanierin, mit dem aparten Namen Maria Fernandes. „Schon sehr bald sollte sie in der Schule Riesenverwirrung stiften, da sie sowohl Männern als auch Frauen komplett den Kopf verdrehte. Sie hatte einen bezaubernden Silberblick. Wenn man mit ihr sprach, wusste man nie genau, wo sie hinguckte.“

Die Ausbildung beginnt mit der Schulung der Stimme: „Das Wichtigste, was ein Schauspieler hat, ist seine Stimme“, sagt die Sprecherzieherin. „Ohne eure Stimme seid ihr verloren.“ Sie sei ein Instrument.

Etwas später wird Meyerhoff klar, dass er sich in alle vier Frauen seiner Klasse verliebt hat. Er besteht die Probezeit und kommt zu dem Schluss: „Mein einziges Talent ist mein Enthusiasmus.“ Eine schöne Erkenntnis.

Im zweiten Jahr an der Schauspielschule müssen sie als Statisten auf der großen Bühne der Kammerspiele auftreten, an der sechsstündigen „Faust“-Inszenierung sind alle bedeutenden Akteure des Hauses beteiligt.

Die Schauspielerei ist nicht nur ein Traumberuf, sie hat auch Schattenseiten.  Joachim erleidet einen Kollaps. „Nach diesem Zusammenbruch fragte ich mich, was ich eigentlich auf der Schauspielschule gelernt, ob ich irgendwelche Fertigkeiten erworben hatte, und musste mir eingestehen, das ich außer ein paar Aikido-Handgriffen nichts hinzugewonnen, sondern nur jede Menge verloren hatte und mein Selbstverständnis in Scherben lag.“ Eine ernüchternde Bilanz. Meyerhoff steht neben sich, nicht nur auf der Bühne. Er befindet sich am Boden. Aber wie kommt es, dass aus Meyerhoff ein gefeierter Schauspieler wird, der an den angesehensten deutschsprachigen Bühnen auftritt, dem Wiener Burgtheater wie der Berliner Schaubühne oder dem Hamburger Schauspielhaus? Wie kommt es, dass er mit Preisen bedacht und mehrmals zum Schauspieler des Jahres gewählt wurde? Etwas muss er auf der Schauspielschule doch gelernt haben. 

  Es gibt einen kurzen Lichtblick: gleich nach Abschluss der Ausbildung erhält Meyerhoff ein Engagement in Kassel. Ein Abschied von München steht bevor, die Großeltern freuen sich, sind aber auch etwas traurig, schließlich ist der Enkel ihre große Freude. „Jetzt sind wir ja noch da, wer weiß, wie lange noch.“ Es geht in diesem 350-Seiten- Roman also nicht nur um die Ausbildung zum Schauspieler. Es geht auch um das Altwerden der Großeltern, ihren Verfall. Ausführlich, quälend genau wird das langsame Verlöschen des Großvaters geschildert, da muss man an die großen Sterbeszenen eines Thomas Mann denken. Bis zum Ende wird dem Großvater Rotwein verabreicht. Auch Meyerhoffs Vater, der ehemalige Psychiater, überlebt den dritten Band nicht. Auch dieser Vater hinterlässt eine Lücke.

Meyerhoff ist im provinziellen Kassel schnell frustriert, aber er findet einen Ausweg aus der Misere. Er bearbeitet Goethes „Werther“ fürs Theater. „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist ein Goethe-Wort, es taucht in „Die Leiden des jungen Werthers“ auf. Über 240 Mal tritt Meyerhoff mit seiner Bühnenversion des „Werther“ auf, damit scheint er glücklich zu sein.

Der Roman endet mit dem Tod der Großeltern. Vier Monate nach dem Tod des Großvaters stirbt auch die Großmutter. Die Toten hinterlassen eine Lücke.

Dieser Roman ist der dritte Teil des sechsbändigen autobiographischen Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ von Joachim Meyerhoff. Man muss die vorausgegangenen Romane nicht kennen, um den dritten Band mit Gewinn zu lesen. Allerdings erreicht der Roman nicht das sprachliche Niveau von „Man kann auch in die Höhe fallen“, dem letzten Band der Hexalogie, der hier schon vorgestellt wurde. Dort war die Sprache disziplinierter, Stilblüten kamen nur höchst selten vor. Im Verlauf der Niederschrift seiner Autobiographie scheint Meyerhoff sich schriftstellerisch weiter entwickelt zu haben.

Derzeit läuft die Verfilmung von „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ in den deutschen Kinos.

Joachim Meyerhoff: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Roman.  Verlag Kiepenheuer & Witsch,  2017. 352 Seiten, 13 Euro. 

Schreibe einen Kommentar