Der Erzähler kennt nicht mal sich selbst.
Arnold Stadler, 1953 in Meßkirch geboren, wurde mit vielen Auszeichnungen bedacht, es sind über 20, die bedeutendste ist sicher der Büchner-Preis, der ihm im Jahr 1999 verliehen wurde. Aber Stadler wird sich damit wohl kaum brüsten. Vielleicht sollte man so beginnen: Der Schriftsteller aus dem Oberschwäbischen ist ein bodenständiger Autor, der trotz aller Ehrungen und Erfolge die Bodenhaftung nicht verloren hat. Der Boden, das kann auch die Heimat sein. Mit ihr hat sich Stadler immer wieder auseinander gesetzt. 2019 wurde ihm die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde Sauldorf verliehen, wo er heute wieder lebt, in seinem Elternhaus. Seine Bücher entstehen nicht am Computer oder auf der Schreibmaschine, Stadler benutzt einen Füllfederhalter.
Für sein Arbeiten hat er eine Formel gefunden: „Schreiben heißt Weiterschreiben.“ Am Anfang seiner Schriftstellerlaufbahn dachte Stadler: „Ein Buch genügt. Das soll´s dann gewesen sein.“ Dann merkte er: „Ich muss weiter schreiben.“ Er schreibe im Grunde immer an dem einen Buch, verriet er einmal. Deshalb greift er Grundmotive und markante Formulierungen aus alten Büchern immer wieder auf:
Zu seinen umfangreichsten Werken gehört der Roman „Rauschzeit“, an dem der Autor seit 2004 gearbeitet hat. Erschienen ist der Wälzer erst 12 Jahre später. Mit ihm schreibt Stadler einige frühere Romane fort. Er zitiert sich selbst. „Komm, gehen wir“, heißt es einmal. Oder: „Ich war einmal“. Diese Titel früherer Romane sind in den Text eingearbeitet. Auch der Satz „Ich war schon ganz verzweifelt, weil ich immer noch so viel Hoffnung hatte“, kam schon früher vor. Von Georg Büchner stammt das Motto des Romans: „Wir wissen wenig voneinander.“ Er führt ins Zentrum des Romans. Der Erzähler Alain versteht nicht einmal sich selbst: „Von allen, die ich kannte, kannte mich niemand so schlecht wie ich.“ Ein ironisch- geschliffener Satz, der von Martin Walser stammen könnte, der einst den Kollegen Stadler in höchsten Tönen lobte.
„Rauschzeit“: Der Titel hat mehrere Bedeutungen: Einmal ist er ein Begriff aus der Jägersprache und bezeichnet die Paarungszeit des Schwarzwildes. Er meint aber auch: eine Zeit des Rausches und den Nachnamen einer Figur.
Der Roman spielt 2004 und wird aus zwei Perspektiven erzählt: der von Mausi und ihrem Mann Alain. Mausi wird abends eine „Tosca“-Aufführung in Berlin sehen und dort einem umwerfenden Mann begegnen. Alain befindet sich derweil auf einem Übersetzerkongress in Köln. Immer wieder erinnert er sich an Babette, die ihn vor über 20 Jahren, 1983, sang und klanglos verlassen hat. In Köln nun begegnet er ihr wieder.
„Was ist Glück? Nachher weiß man es.“ Mit diesen Sätzen beginnt der Roman. Der erste Satz ist das Thema, das immer wieder aufgegriffen wird, ein Leitmotiv. Nicht nur deshalb ist es ein sehr musikalischer Roman. Immer wieder wird Musik erwähnt, etwa die britische Mezzosopranistin Janet Baker. Stadlers dicker Roman (560 Seiten), ist ein Buch über das Glück und das Unglück.
Manche Sätze sind so dicht gefügt wie Lyrik: und Gedichte stehen am Anfang eines Buches. Allerdings veröffentlicht Stadler diese Gedichte nicht.
Am Anfang sieht man Alain vor dem Spiegel: einen Narziss. Ihm fehlt die literarische Substanz, deshalb ist er Übersetzer geworden. „Mir blieb vorerst nichts, als mich in die Poesie zu flüchten.“ Ist das ein auch ein Schlüsselsatz für Arnold Stadler?
„Was ist Glück? Nachher weiß man es.“ Mit diesem Romanbeginn reagiert Stadler auf einen Romananfang des türkischen Autors Orhan Pamuk. „Das Museum der Unschuld“ beginnt: „Es war der glücklichste Augenblick in meinem Leben, und ich wusste es nicht einmal.“ Aber jetzt weiß er es.
Stadler schreibt sehnsüchtige Sätze. Der größte Sehnsuchtsort ist das Meer. Es kommt am Ende in den Blick. Der Roman scheint zwei Schlüsse zu haben. „Und sie wusste nun, dass ihr Leben kein Zufall war.“ Das scheint das letzte Wort zu sein.
Dann folgen zwei leere Seiten. Auf der nächsten Seite befinden sich die Widmungen. Und über den Widmungen steht der Satz: „Als ich damals oben auf der Düne angekommen war und aufs Meer hinausschaute, wusste ich wieder einmal, dass ich als Glück gedacht war.“

Arnold Stadler: Rauschzeit. Fischer Verlag, 2016.
Die Fischer-Taschenbuchausgabe wird im Mai 2023 erscheinen