Menschen aus anderen Kulturen bereichern das Leben in Deutschland. Das gilt gerade für Künstler, die ihre Geschichte und Geschichten mitbringen und einen anderen Blick auf dieses Land haben. Vielleicht sind die Schriftsteller aus der Fremde deshalb hierzulande so erfolgreich.
Sehr erfolgreich ist auch Sasa Stanisic. Er wurde 1978 in Visegrad geboren und hat viel zu erzählen. 1992 flieht er mit seinen Eltern vor dem Bosnienkrieg. Sie gelangen nach Heidelberg, sehr aufmerksam nimmt Stanisic die alte Stadt wahr, im Gegensatz zu seiner Heimat eine heile Welt.
Seine Mutter war eine bosnische Politikprofessorin, sein Vater ein serbischer Betriebswirt In Deutschland erfolgt ein sozialer Absturz. Die Mutter arbeitet in einer Großwäscherei, der Vater auf dem Bau, nach wenigen Jahren ist der Rücken ruiniert. Geld ist immer knapp, der Sperrmüll wird zur Attraktion. Müsste Stanisic Familie heute aus ihrem Land fliehen, würde sie nicht bis Heidelberg kommen. „Die Reise wäre an einem ungarischen Stacheldrahtzaun zu Ende“, stellt Stanisic illusionslos fest. Als die Abschiebung der Eltern droht, flüchten sie weiter in die USA. Einige Altersgenossen von Stanisic können der Abschiebung nicht entgehen. Mit etwas weniger Glück wäre auch Stanisic in seine „Heimat“ abgeschoben worden. Es ist kein freundliches Deutschland, das sich hier zeigt, aber Stanisic versagt sich jede Form von Klage oder Anklage.
Denn er hat Glück. Er findet einen deutschen Lehrer, der sein Schreibtalent erkennt und ihm hilft, es auszubilden. Er nimmt sich Zeit für den Jugendlichen aus dem zerbrochenen Jugoslawien, der bei seiner Ankunft in Heidelberg nur zwei deutsche Worte kannte: Lothar Matthäus. Mit den Jahren wird er ein Meister dieser Sprache.
Stanisic darf in Deutschland bleiben, weil er ein Studium in Heidelberg beginnt. Später gelingt es ihm, die Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde zu überzeugen, dass in Deutschland aus ihm ein Schriftsteller werden könne. Sie weist ihn darauf hin, dass es schwierig sei, von der Schriftstellerei zu leben.
2008, da lebt Stanisic 16 Jahre in Deutschland, will er Deutscher werden. „Ich schrieb der Ausländerbehörde: Ich bin Jugo und habe in Deutschland trotzdem nie was geklaut, außer ein paar Bücher bei der Frankfurter Buchmesse. Und in Heidelberg bin ich mal mit einem Kanu in einem Freibad gefahren. Radierte beides aus, weil vielleicht Straftaten und nicht verjährt.“
Nur ein Teil des Buches ist in diesem lockeren Ton gehalten: die Deutschlandhandlung. Hier zeigt sich Stanisic als witziger und gewitzter Autor wie man ihn kennt. Ernster wird es, wenn sich Stanisic mit seiner Herkunft beschäftigt Nach Ende des Krieges besucht er mit seiner Großmutter Kristina ein kleines abgeschiedenes Dorf in den bosnischen Bergen, das es bald nicht mehr geben wird, nur noch 13 Menschen leben hier: Oskorusa. „Bevor ich den Friedhof von Oskorusa sah, hatte ich mir aus Herkunft im Sinne familiärer Abstammung nichts gemacht.“ Jetzt entdeckt er: Auf jedem zweiten Grabstein steht sein Nachname. Er beginnt sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen, gibt es aber lange nicht zu.
Vielleicht wird Herkunft ein Thema nach der Ankunft in der Fremde. Wo komme ich her? Stanisic geht zurück bis zu den Urgroßeltern. Ein Urgroßvater war Flößer auf der Drina und konnte nicht schwimmen. Das ist weit weg. Viel näher steht ihm die Großmutter Kristina, mit ihr beginnt und endet Stanisics Buch. Die Verständigung mit ihr ist nicht ganz einfach, da sie unter Demenz leidet.
Aufgewachsen ist Stanisic in Visegrad, einem Ort der Literatur. Hier spielt „Die Brücke über die Drina“ von Ivo Andric. Der Name des Nobelpreisträgers fällt auch in „Herkunft“. Schon am Anfang seines Buches nimmt Stanisisc die Drina in den Blick. Nach tagelangen Regenfällen ist sie über die Ufer getreten. Man registriert auf diesen ersten Seiten einen ganz eigenen Ton.
Stanisics Stärke: Er kann die Handlung immer wieder in einzelnen Sätzen verdichten. „Man will gelegentlich von mir wissen, ob ich in Deutschland zu Hause sei. Ich sage abwechselnd ja und nein.“
„Ich bin in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt.“
„Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens.“
Dieses 350-Seiten Buch ist kein Roman. Eher eine unvollständige Autobiographie, ein kluges Selbstporträt mit Lücken. In diesem Buch behandelt der Autor die Herkunft aus Jugoslawien und die Ankunft in Deutschland.
„Anfangs in Deutschland wollte ich zweierlei nicht sein: Jugo und Geflüchteter“ Mit diesen beiden Identitäten setzt er sich in „Herkunft“ auseinander. Er bedauert den Untergang seines Landes, Jugoslawiens. Ihm bleibt nur eins: darüber zu schreiben.
Schreiben zu können, sagt er heute, ist ein Privileg. „Ich weiß noch, wie es sich anfühlt, für etwas keine Sprache zu haben.“ Vielleicht machte ihn diese Erfahrung zum Schriftsteller. Auch der Nobelpreisträger Elias Canetti fand spät zur deutschen Sprache. Beide mussten die fremde Sprache erst meistern, bevor sie Meister dieser Sprache wurden.
Originell ist das Ende. Es gibt eine ganze Reihe alternativer Schlüsse. Der Leser bestimmt den Weg durch die letzten Kapitel. Das hat nicht alle Leser überzeugt.
Sasa Stanisic bereichert seit vielen Jahren die deutsche Gegenwartsliteratur. Man stelle sich nur vor, er wäre als Jugendlicher abgeschoben worden.
