Anna Katharina Hahn in Waldenbuch
Waldenbuch. Die Schriftstellerin trägt ein besonderes Kleid. Es ist blau und erlesen und besitzt einen schwingenden Rock. Es kommt in dem neuen Roman der Schriftstellerin vor und gibt ihm den Titel: „Das Kleid meiner Mutter“. Früh im Roman taucht dieses Motiv auf: Nachdem die Eltern gestorben sind, streift die Tochter sich das Kleid der Mutter über und nimmt deren Identität an. Die Menschen ihrer Umgebung halten sie sonderbarerweise für die Mutter. Anita, einer arbeitslosen spanischen Lehrerin, gelingt es, sich zu verwandeln.
Das tut auch die Autorin Anna Katharina Hahn. Sie trägt bei ihrer Lesung in Waldenbuch ein Kleid, das Stuttgarter Designer für sie nach den Romanangaben entworfen haben. Deshalb kann sie mit einem Anflug von Selbstironie sagen: „Ich bin die einzige deutsche Autorin, die literarische Kleidung trägt.“
Im gut besuchten Museum Ritter las sie am Sonntagabend nicht nur, sie erteilte auch Auskunft über ihren neuen Roman, der im März 2016 erschienen ist.
Die Journalistin Irene Ferchl, Herausgeberin des Literaturblatts Baden-Württemberg, stellte die interessante Autorin kurz vor: Auf den Fildern geboren (1970), in Stuttgart das Abitur gemacht, in Hamburg studiert (Germanistik, Anglistik und Volkskunde). Heute lebt sie mit ihrer Familie in Stuttgart. Sie wurde mit einigen Auszeichnungen bedacht und hat auch von der Kritik für ihre Bücher viel Anerkennung erfahren.
Ferchl weist auf den „schnoddrigen Ton“ des neuen Romans hin, den sie auch in Hahns erstem Buch, einem Erzählband, entdeckt hat. Dieser lässige Alltagsstil fällt auf. Es sind junge Menschen, die hier sprechen. Kunstvoll geht die Autorin mit dem ungekünstelten Stil um. Es ist eine gesprochene Sprache und eignet sich daher sehr gut zum Vortragen. Mit kräftiger Stimme las die Stuttgarter Autorin in Waldenbuch eindringliche Romanauszüge vor.
„Genauigkeit ist nicht gerade meine Stärke“, gesteht Anita, die Ich-Erzählerin. Aber das stimmt nicht. Genau beschreibt sie ihre Welt und Umwelt, die Lebendigkeit einer Türklinke, das Aussehen einer Zigarette, der Geruch von Rauch im Haar. Einmal, nachdem die Erzählerin das blaue Kleid der Mutter übergestreift hat, macht Anita sich hübsch: „Roter Lippenstift mit Melonengeschmack. Mein Mundabdruck auf dem Kleenex wie ein Schmetterling.“ Das ist sicher eine Verbeugung vor dem Schmetterlingsexperten Vladimir Nabokov, der ähnlich vielschichtige, kühn konstruierte Romanwelten entworfen hat. Auch Hahn arbeitet mit doppelten Böden, die Bodenhaftung geht allerdings nie verloren: Der Alltag der jungen Spanier ist bedrückend: Anita, die Ich-Erzählerin, ist Lehrerin, arbeitet aber nicht in ihrem Beruf, weil es keine Stellen gibt. Sie jobbt als Babysitter bei Nachbarn, kann aber davon nicht leben, weil es den Nachbarn nicht besser geht. Auch ihre Freunde sind frustriert: Sie sind gut ausgebildete Akademiker, aber ohne Beruf. Spanien ist von einer schweren Wirtschaftskrise erfasst.
Den jungen Freunden von Anita fällt nur eines ein: Sie erzählen sich Geschichten, wahre Geschichten. Damit verwandeln sie ihre trostlose Lage. So besteht das Buch aus mehreren Schichten und vielen Geschichten.
Lange spielt der Roman in Madrid, auch das Jahr wird angegeben: 2012, ein glühend heißer Augusttag.
„Wie sind Sie auf Madrid gekommen?“, wollte Irene Ferchl wissen. Hahn erteilte bereitwillig Auskunft: Sie habe eine sehr gute Freundin in Madrid, bei der sie sich aufgehalten habe. „Sie hat mir das Land erklärt“, dazu zählt auch die spanische Literatur. Viele bedrückende Berichte von erfolg- und arbeitslosen jungen Leuten hat sie gehört und in ihren Roman eingearbeitet. Eine Figur bewirbt sich um eine Stelle als Wächter im Prado (Grundgehalt: 900 Euro). Er erhält keine Antwort, erfährt aber Tage später aus der Zeitung, dass 18 000 Bewerbungen eingegangen sind.
800 Fotos hat sich Hahn von den Schauplätzen ihres Romans gemacht. Das ermöglichte eine genaue Beschreibung. Damit nicht genug: Die Stuttgarter Erzählerin hat Fragebögen an ihre Freundin Carmen geschickt: Welche Lieder hat sie als Kind gesungen? Wie sah ihr Alltag aus? „Durch sie habe ich Spanien lieben gelernt.“ Carmen ist der Roman auch gewidmet.
Die Autorin hatte die Idee, Spanien und Deutschland zu verklammern, lange spielt der Roman in Madrid, einer stinkenden, verrückten Stadt. Aber schließlich führt der Roman nach Deutschland, auch nach Stuttgart. Ein deutscher Schriftsteller stellt diese Verbindung her, eine schillernde Gestalt: Er lässt sich nicht fotografieren, nicht interviewen, erscheint zu Preisverleihungen nicht. Er besitzt auf den ersten Blick wenig Charme, trotzdem ist er der Geliebte von Anitas Mutter. Auch er, so Hahn, verwandle sich. Indem er sich in Figuren hineindenkt und Geschichten erfindet.
Hahn weist darauf hin: „Es ist kein realistisches Buch.“ In Büchern gehe es oft wilder zu als im Leben der Autoren. „Ich finde es schwierig, das eigene Buch zu interpretieren“, gestand die Erzählerin in Waldenbuch, gerade bei einem so vieldeutigen Buch. Aber besonders fasziniert habe sie das Motiv der Verwandlung. Deshalb sei sie auch Schriftstellerin geworden: „Man kann alles sein.“
Auf den ersten Blick ist das ein verwirrendes Buch, aber es ist auch spannend und gut zu lesen. In 75 Minuten erfuhr man im Museum Ritter sehr viel über diesen Roman, aber auch über seine Autorin. Als letztes las sie eine Szene, in der Anita Abschied von der Mutter nimmt. Am Ende konnte man der Autorin Fragen stellen. Und ihr phantastisches Kleid aus der Nähe bestaunen.
Das Kleid meiner Mutter. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
