Meyerhoffs Finale: eine Liebeserklärung an eine ungewöhnliche Frau

Im ersten Satz dieses Buches ist der ganze Roman enthalten: Von Berlin zieht der Schauspieler Joachim Meyerhoff zu seiner Mutter aufs Land nach Schleswig Holstein, nahe der Ostsee, wo Mutter und Sohn jeden Tag zusammen schwimmen gehen. In der freien Zeit unternimmt Meyerhoff Schreibversuche, um seine Krise zu beenden und zur Literatur zurück zu finden. Im Zentrum dieses autobiographischen Romans steht die Mutter.

Als Schauspieler, vielfach ausgezeichnet, hat Meyerhoff Tag für Tag mit Sprache zu tun. Das kommt seinen Büchern zugute. Zu gute kommt ihnen auch, dass er sich in seinem Stoff bestens auskennt, es ist sein eigenes Leben. Wenn Zeitgenossen über ihr Leben schreiben, geraten sie oft ins Erzählen und laufen zur Hochform auf. Sechs Bände hat Meyerhoff aus seinem Leben gemacht, der letzte ist jetzt erschienen. Am Anfang befindet er sich in einer Schreibkrise. Am Ende hat er sie überwunden, der letzte Roman ist fertig. Er ist glänzend komponiert. Er beginnt mit der Ankunft auf dem Lande und endet mit der Rückfahrt nach Berlin.

Der kleine Meyerhoff leidet an Legasthenie. Trotzdem beginnt er mit sieben Jahren, Gedichte und Geschichten zu schreiben. Als Schauspieler feiert er große Erfolge, er wird Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater und anderen bedeutenden Häusern. Die Belastung ist enorm. Sich Abend für Abend einem großen, kritischen Publikum auszusetzen, zehrt an der Substanz. Er flieht von der Schauspielerei in die Schriftstellerei. Als Schriftsteller muss man seine Bücher präsentieren, nicht sich selbst.

 Mit dem Roman „Man kann auch in die Höhe fallen“ schließt Meyerhoff seinen  sechsteiligen autobiographischen Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ ab. Im fünften Teil erzählte er von seiner Lähmung infolge eines Schlaganfalls.  Jetzt lässt er das ungeliebte Berlin hinter sich und kommt auf dem norddeutschen Land an. „Während der letzten Monate in Berlin war ich von Schlaflosigkeit gemartert worden. […] Doch schon nach wenigen Tagen auf dem Land besserte sich dieser Zustand.“

Die Sprache ist um Originalität bemüht und wirkt streckenweise etwas gewollt. „Wie ein geschmolzener Käse war ich in jede Ritze des Sofas hineingeflossen, hatte das Sitzmöbel mit mir selbst überbacken.“ Dem gegenüber stehen schöne Details: Die Mutter „kam zurück, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in ihr Spiegelbild im Rückspiegel.“ Der Roman ist reich an solchen Details. Seinen Reichtum kann man hier nur andeuten.

Meyerhoff ist ein großer Geschichtenerzähler. Die Geschichte der Mutter erzählt er erst spät. „In einer dieser Nächte klopfte es an mein Fenster.“ Es ist die Mutter. Was sie da mache? „Ach, ich konnte nicht schlafen. Der Mond macht mich ganz verrückt. Komm, wir klettern auf den Stall hinauf. Wie früher.“ Sie kehren in die Vergangenheit zurück. 

Die Mutter beginnt: Sie könne ihr Leben als zwei unterschiedliche Geschichten erzählen. Die zweite ist die positivere: „Nach dem Tod meines Vaters, da war ich acht, habe ich angefangen zu lesen und bin in der Welt der Bücher verschwunden. Auch im Internat habe ich immerzu gelesen unter der Bettdecke. Das war herrlich, und die Geschichten haben mich gerettet. Ich war glücklich, als ich endlich begriffen habe, dass ich weder Balletttänzerin noch Sängern noch Schauspielerin werden wollte. Ich wollte einen richtigen Beruf erlernen. Ich war mutig und bin ganz allein nach Italien gegangen. Ich habe die Sprache gelernt und das Leben dort geliebt:“ Aus der Mutter wird eine Physiotherapeutin.

Im Haus seiner Mutter arbeitet Meyer an der Geschichte seines Karrierestarts. Nach der Schauspielschule erhält er kein Engagement, statt dessen ergibt sich ein trostloser Anfang in einem Kinderstück in der süddeutschen Provinz (Ulm!), ein holpriger Start, der kettenrauchende Regisseur ist völlig überfordert. Gegen Ende seiner Romanfolge thematisiert Meyerhoff also seine Anfänge als Schauspieler. In Film und Fernsehen ist Meyerhoff kaum präsent, seine Teilnahme an Dreharbeiten beschränkt sich auf wenige Tage. Trotzdem entwirft er auf seinen Jogging-Strecken eine Dankansprache für die Verleihung eines Oscars. 

Mit 86 Jahren verliebt die Mutter sich noch einmal und reist mit dem drei Jahre jüngeren Mann nach Marrakesch. Ihr Sohn bleibt allein zurück. „Ein unangenehmer Wind wehte, und der Stuhl war noch nass vom letzten Regen. Ich wischte ihn mit meiner Mütze trocken und setzte mich. Ich ließ meinen Blick über den Garten schweifen und begriff, dass dieser Park das Lebenswerk meiner Mutter war.“ So schön kann Meyerhoff über die Welt der Mutter schreiben. Die Mutter ist in Marrakesch, der Sohn tut sich schwer mit der Einsamkeit. Als der Begleiter der Mutter bei ihnen übernachtet und mit der Mutter in der eisigen Ostsee schwimmen geht, wird Meyerhoff bewusst: Es ist Zeit,  nach Berlin zurückzukehren. Auf der Fahrt zum Bahnhof sagt der Schauspieler: „Wenn ich in Berlin bin, Mama, werde ich ins Theater gehen und kündigen.“ Auf dieser Fahrt ganz am Ende seines Buches erzählt Meyerhoff, warum er Berlin verlassen hat.

Die stärkste Szene des Buches befindet sich kurz davor: Joachim Meyerhoff soll in einer Lübecker Buchhandlung lesen. Aber dem Schauspieler geht es gar nicht gut. Eine Panikattacke? Es wäre nicht das erste Mal. Bevor die Lesung beginnt, flüstert er einige Sätze ins Mikrophon. „Ich bin nicht in Not. Ich kontrolliere die Angst. Ich habe keinen Schlaganfall.“ Der Buchhändler ist begeistert: „Starker Anfang. Der Anfang ist immer das Wichtigste.“ Das gilt auch für den vorliegenden Roman: Er beginnt stark und findet immer wieder zu sprachlichen Höhepunkten. Der Andrang in der Buchhandlung ist gewaltig, es müssen zusätzliche Stühle aufgestellt werden. 

Meyerhoff ist nicht in der Lage, den Auftritt zu bestreiten. Couragiert nimmt die Mutter, die ehemalige Krankengymnastin, 86 Jahre alt, das Heft in die Hand. Sie übernimmt den Part der Vorleserin. Vielleicht denkt sie an ihre Mutter, die eine erfolgreiche Schauspielerin war. Einer Geschichte ihres Sohnes gibt sie eine positive Wendung. Es wird ein denkwürdiger Abend. So eine Begeisterung gab es in der Buchhandlung noch nie, auch nicht bei den Auftritten von Günter Grass oder Martin Walser, den großen Vorlesern. Nach der Lesung signiert Susanne Meyerhoff die Bücher ihres Sohnes. Der Schauspieler ist seiner Mutter sehr dankbar. Längst weiß man es: Dieser Roman ist eine Liebeserklärung an die Mutter. Ein sehr sympathisches Buch.

Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen. Kiepenheuer und Witsch, 2024.  357 Seiten, 26 Euro.

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