Felix Kliesers Traum

Der junge Felix wird belächelt: Der Neunjährige will unbedingt der größte Hornist werden. Doch wie soll das gehen? Er ist ohne Arme zur Welt gekommen. In seinem Buch „Stell dir vor, es geht nicht, und einer tut es doch“ erzählt er davon, wie er sich von seinem Handicap nicht abhalten lässt, seinen großen Traum zu verwirklichen. Lebe Deinen Traum, auch wenn alle sagen: vergiss es! So könnte die Botschaft dieses bemerkenswerten Buches lauten. Aus dem kleinen Felix wird tatsächlich ein großer Hornist. Er spielt sein Instrument mit dem linken Fuß .

Das Buch liest sich leicht. Klieser ist ein gewandter Erzähler. Er will Mut machen und den Leser zum Nachdenken über die eigenen Möglichkeiten bewegen. Er hat das Unvorstellbare geschafft, wie soll es der Leser nicht auch schaffen? Der Professor an der Musikhochschule Hannover schockiert ihn mit einem Satz gegenüber einem Journalisten: Das Hornspielen werde für Felix leider immer nur ein Hobby bleiben. Ihm fehle die rechte Hand zur Klangregulierung. Klieser bleibt bei diesem Lehrer fortan auf Distanz. Er lässt sich nicht beirren, und arbeitet hartnäckig an seinem Klang. Es gibt Momente, da denkt er ans Aufgeben, aber er verliert sein großes Ziel nicht aus den Augen.

Der Autor nimmt den Leser an die Hand. Am Anfang seines Buches macht er sich Gedanken zur Macht der Träume. „Wenn ich an meine Träume denke, kommt mir immer wieder das Bild an einen Spielplatzbesuch in meiner frühen Kindheit in den Sinn.“ Der Hit ist die riesige Rutsche.

„Im Nullkommanichts flitzten wir den Berg hinauf und überschlugen uns fast in unseren Ideen davon, wie schnell wir gleich in dieser Riesenrutsche gen Boden rutschen sollten.“ In diesem lockeren Stil ist das Buch gehalten. Deshalb ist es leicht zu lesen. Überschrieben ist das Kapitel: „Das Leben ist ein Spielplatz“. Klieser erzählt anschaulich. Interessant ist sein Buch, wenn der Musiker nicht doziert oder predigt im Stil von „Wir haben bereits besprochen, wie wichtig es ist, an uns selbst zu glauben“, sondern über seine ganz individuellen Erfahrungen mit der Behinderung schreibt und Geschichten erzählt, etwa wie er nach einem Konzert beim Signieren mit den Konzertbesuchern ins Gespräch kommt, oder wie ihm die Deutschlehrerin jede Freude an ihrem Fach nimmt. Sie traut ihm gar nichts zu. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass das Schreiben des aktuellen Buches für Klieser eine beglückende Erfahrung ist. Er kann nämlich schreiben. Ihm gelingen Aphorismen: „Schlimmer als Fehler ist die Angst davor, welche zu machen.“

Er hat den Einfall, ein Tagebuch zu führen, um sich besser kennenzulernen. „Das Anschaffen eines Tagebuchs war vermutlich eine der besten Ideen, die ich je hatte.“ Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Aus ihm hätte auch ein Chemiker werden können. Aber der Zug und die Liebe zur Musik ist zu stark.

In der Berliner Philharmonie spielt Klieser mit dem Bundesjugendorchester, einem Eliteklangkörper, Bruckners Neunte unter Sir Simon Rattle. Im Publikum sitzt die Journalistin einer großen deutschen Sonntagszeitung und schreibt ein umfangreiches Porträt. „Der Artikel war ein riesiger Erfolg und brachte mir vom einen auf den anderen Moment eine unglaubliche Aufmerksamkeit. Sie war so groß, dass ein Musiklabel dadurch auf mich aufmerksam wurde.“

Er ist davon überzeugt, dass Ehrgeiz eine wichtige Eigenschaft ist. „Wenn ich etwas will – wirklich will – kann ich einen großen Ehrgeiz entwickeln.“ Das bringt ihn voran.

Eines seiner Lieblingswerke ist das erste Hornkonzert von Joseph Haydn. „Das liegt wohl auch daran, dass ich so viel daraus gelernt habe. Nicht nur über Musik und das Horn, sondern vor allem über mich selbst.“

Er lernt auch beim Unterrichten. „Beim Unterrichten passiert es nicht selten, dass man als Lehrender selbst jede Menge lernt.“ Er sagt allerdings nicht, was. Er schreibt über interessante Taxifahrten von seiner Wohnung zum Flughafen, aber er erzählt nicht, wie er sein Instrument transportiert. Er erzählt auch nicht, wie er Speisen zu sich nimmt. So bleiben einige Fragen offen.

Als Starhornist besucht er eine Sonderschule, diese Erfahrung konsterniert ihn. Er erinnert sich: „Nach Ansicht der Behörden sollte ich auf eine Sonderschule gehen. Die Begründung: Auf einer normalen Schule würde ich es niemals schaffen.“ Sein Leben hätte also einen ganz anderen Verlauf nehmen können. Eine wichtige Eigenschaft des Hornisten ist seine Neugier: auf die Zukunft und auf andere Menschen.

„Eines der schönsten Privilegien, die man hat, wenn man als Solist um die Welt reisen darf, ist die Tatsache, mit unglaublich vielen Menschen in Kontakt zu kommen und viele davon auch besser kennenlernen zu dürfen.“

Felix Klieser hatte einen Coautor: den Publizisten Jan Wehn.

Im letzten Satz ist das ganze Buch enthalten. Er klingt fast nach Roman: „Ich wünsche dir, dass auch du das Glück erfährst, das mir zuteilgeworden ist.“

Felix Klieser, unter Mitarbeit von Jan Wehn: Stell Dir vor, es geht nicht, und einer tut es doch. Ullstein Buchverlage, 2024. 254 Seiten, 22.99 Euro.

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