Trump ist wieder da. Dieser Roman ist ein prophetisches Buch. Erschienen ist es 2023, und im Verlauf der Erzählung taucht der Name Trump auf: Er wird zu den Tyrannen gerechnet, wie Putin oder Erdogan. Als Kurt Oesterle das schrieb, konnte er nichts wissen von der triumphalen Rückkehr des Demagogen und Selbstdarstellers ins Weiße Haus ein Jahr später. Der alte Mann ist nun der mächtigste auf der ganzen Welt. Er wird seinem Ruf als Autokrat alle Ehre machen. Auf Seite 114 des aktuellen Oesterle-Romans fürchtet Otto, der Protagonist, dass „Demokratie und Rechtsstaat, jung, wie beide in seinem Land noch waren …. gleichsam von gestern auf heute abgeschafft“ werden könnten. Im Jahr 2024 gibt es viele Länder, deren Demokratie bedroht ist. Die USA unter Donald Trump gehören sicher dazu.
Wenn Schriftsteller altern, schreiben sie über das Alter, ob sie nun Max Frisch („Homo Faber“, „Montauk“) oder Martin Walser („Angstblüte“, „Der Augenblick der Liebe“) oder Philip Roth („Sabbath Theater“, „Der menschliche Makel“) heißen. Sie schreiben dann oft über die Affäre eines alten Mannes zu einer deutlich jüngeren Frau. In „Angstblüte“ heißt es, sinngemäß: Noch nie war er dem Tod so nahe, und noch nie hat er so am Leben gehangen. Bei Oesterle heißt es: „Kein Wunder, wenn das Leben plötzlich, vor allem auf das Ende zu, viel zu kurz schien und Panik ausbrach.“ Eine deutlich jüngere Geliebte legt sich Otto freilich nicht zu.
Dieses Jahr wird der Tübinger Schriftsteller Kurt Oesterle 70 Jahre alt, andere Arbeitnehmer befinden sich in diesem Alter im Ruhestand. Ein Schriftsteller natürlich nicht. Viele Politiker auch nicht: Mit 78 Jahren kehrt der unsägliche Donald Trump ins Weiße Haus zurück.
Oesterle denkt nur insofern an den Ruhestand, als er seinen Helden Otto, einen ehemaligen Fernfahrer, in Rente schickt. Oesterle präsentiert dessen Erfahrungen mit dem Alter in einem altersweisen Buch, das mit einem Minimum an Handlung auskommt und deshalb streckenweise eine Geduldsprobe für den Leser ist. Otto war Fernfahrer, gleichwohl ist er ein Reflexionsartist, der sich über alles Gedanken macht. „Offenbar wurden mit fortschreitendem Alter seine Nerven schlechter.“
Seine Frau ist verstorben. „Doch vielleicht gelang es ihm auch darum so gut, alleine zu sein, weil er es innerlich immer schon gewesen war.“
Oesterles Alterswerk „Alten Mann braucht niemand mehr“ ist ein handlungsarmes und gedankenreiches Buch. Wortreich setzt sich Otto mit dem Alter auseinander, redselige Selbstbespiegelung könnte man ihm vorwerfen. Das Buch ist eher ein Essay über das Alter(n) als ein Roman.
Es geht aber nicht nur über das Altern, sondern auch um unsere Zeit: „zum gut trainierten Wohlstandsegoismus ringsum gesellte sich schon bald die allgemeine Paralyse aus Klimaschock, Seuchenfurcht und Kriegshysterie. Die Gesellschaft war davon schon bald wie eingefroren.“
Schauplatz ist eine Universitätsstadt im Schwäbischen, der Name wird nicht genannt, aber Tübingen ist zu erkennen, die kleinste der Weltstädte: „Ottos Stadt, seit Jahrhunderten ein berühmtes Zentrum der Bildung und Hochbildung, hatte sich während der mal ab- mal anschwellenden Seuche ziemlich entleert.“
Die Corona-Pandemie ist auf jeder Seite dieses Romans präsent. „Im Allgemeinen gestaltete sich der Seuchenalltag noch schwieriger als der normale Rentneralltag.“
Heimat ist ein wichtiges Thema. „Nicht jeder Mensch hat eine Heimat.“
„Die Schanz war in den 50er Jahren errichtet worden, als Wohnort für Flüchtlinge aus dem Osten, eine Heimat für Heimatlose wie Otto, dessen Eltern ebenfalls „Vertriebene“ gewesen waren.“
Heimat- und Fluchterfahrung ist ein Thema in vielen Oesterle-Romanen.
Wie die Helden Wilhelm Genazinos ist Otto ein Flaneur. Er streift durch die Stadt oder ihre Umgebung und nimmt viel wahr. Er ist ein genauer Beobachter: „Es war so wundersam still an diesem doch stadtnahen Ort, dass Otto den leiser werdenden Flügelschlag des Reihers hören konnte, der jetzt wahrscheinlich sein Nest im Gipfel einer Tanne aufsuchte.“ Er öffnet sich für die unterschiedlichsten Eindrücke.
„Auch war er überall zum emsigen Sammler von Realitätspartikeln geworden, und wenn er keine fand, dann erfand er sie eben.“
„Gegen Ende seiner Wanderungen landete Otto nicht selten in der Stadt; er ließ sich gerne treiben…“ Wie gesagt, es passiert sehr wenig in diesem Roman. Aber die Sprache ist sehr schön, manche Sätze könnten von Wilhelm Genazino stammen: „Natürlich gab es im Alter mehr und mehr Gründe zu trauern, was Otto lange nicht hatte wahrhaben wollen.“ Otto, der ehemalige LKW-Fahrer, sucht den Rentnertreff im nahegelegenen Park auf. Skurrile Gestalten bevölkern ihn: „Der Sonderling unter den Sonderlingen […] war der Barfußmann, ein grauhaariger und braungebrannter Kettenraucher von schmaler Statur und großgewachsen, der mindestens acht Monate im Jahr ohne Schuhe ging und auch an kalten Tagen nur leichte Pluderhosen mit orientalischem Muster trug.“
Oesterle ist ein sehr genauer Erzähler. Ein Kabinettstückchen ist die minutiöse Beschreibung der Krähenfütterung, die Otto zelebriert. „Im Weitergehen fragte er sich, weshalb die Krähen ihm so viel bedeuteten.“ Am Ende des Romans tauchen die Krähen noch einmal auf. Otto entdeckt auch Vorzüge des Alters, eine größere Gelassenheit etwa; Ein Sich-Öffnen für die Eindrücke in den Straßen seiner Stadt, durch die er so unermüdlich flaniert. Gegen Ende erfährt der Roman einen Höhepunkt. Otto verliebt sich in eine attraktive Greisin. „Ich bin ja eine leidenschaftliche Leserin“, sagt sie von sich. Ob er auch lese? Seine Antwort: „Geht so“.
Kurz zuvor wirft Otto einen Blick von dem Krankenhaus, in dem er eine Tante besucht, über die Stadt. „aus dieser Warte hatte Otto seinen Heimatort noch nie gesehen, und er gab es begeistert zu.“ Er sagt: „Alles sieht von hier oben viel größer und weiter aus- wie bei einer echten Großstadt.“ Und die Tante: „Da kannst du mal sehen, wie ein Klinikaufenthalt den Horizont erweitert.“ Eine Liebeserklärung an eine Stadt.
Dieses Alterswerk liest sich nicht so spannend wie das Debüt „Der Fernsehgast“, auf das angespielt wird, oder wie sein Hauptwerk „Der Wunschbruder“. „Der Fernsehgast“ fesselte den Leser vom ersten Satz an. Aber es gibt einen Grund, weshalb man diesen Altersroman lesen sollte: Oesterle, dieser verkannte Autor, ist einer der größten Meister der deutschen Sprache.
Kurt Oesterle: Alten Mann braucht niemand mehr. Roman. Molino Verlag, 2023. 256 Seiten, 22 Euro.
