Saul Bellow, der bedeutende US- amerikanische Erzähler, war ein hoch gebildeter Autor. Er fing in seinen Büchern nicht nur viel Welt ein, er reflektierte sie auch. Amerika sei so reich an äußeren Wundern, dass es wenig Sinn habe für die inneren Wunder, heißt es im Roman „Humboldts Vermächtnis“. „Innere Wunder“, damit ist auch die Literatur gemeint. John Updike, der auch ein Wunder war, nannte Bellow „unseren hervorragendsten Prosaautor“. Philip Roth, der merkwürdigerweise nie den Nobelpreis erhielt, äußert sich voller Hochachtung über den älteren Kollegen. Beide sind markante Vertreter der jüdisch-amerikanischen Literatur. Bellow hat nie die Popularität eines Ernest Hemingway erreicht. Vielleicht weil er der intellektuellere Autor war. In einem Roman wie „Humboldts Vermächtnis“ gibt es viele kluge essayistische Passagen, die Zentralfiguren sind hoch gebildete Zeitgenossen. Wenn Von Humboldt Fleisher nachts nicht schlafen kann, liest er und wird noch klüger, wie es einmal im Roman heißt.
„Humboldts Vermächtnis“ erschien im Jahr 1976: Es ist das Porträt einer schwierigen Freundschaft zwischen zwei Schriftstellern, die in einer geldorientierten Welt leben. Der Roman spielt vor allem in Chicago, der windigen Stadt am Michigan-See. Dort ist Saul Bellow aufgewachsen, hier hat er viele Romane angesiedelt, er sah Chicago als seine Heimat an. Hier ist aber auch die Unterwelt zu Hause, und sie funkt ordentlich in Charlie Citrines Leben hinein. Charlie, das ist der Ich-Erzähler des Romans. Er bewundert den erfolgreichen Lyriker Humboldt Fleisher und fährt als junger Student nach New York, um sein Vorbild kennen zu lernen. Fleisher wird zu einer Vaterfigur. Vom ersten Satz an, und nichts ist so wichtig wie der erste Satz, fesselt die Erzählung. Bellow gelang es, für jeden seiner Romane einen eigenen Sound zu (er)finden. Citrine schreibt sich aus dem Schatten seines Idols und wird ein erfolgreicher Schriftsteller. Sein Stil ist klug, gebildet, witzig. Das Finale dieses Romans ist wunderbar. Schöner kann ein Roman nicht enden: „Was sind das für Blumen?“- „Ich weiß nicht, ich bin selbst ein Kind der Großstadt. Das müssen Krokusse sein.“
Für diesen Roman erhielt Bellow 1976 den Pulitzerpreis. Im selben Jahr wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.
1953 erschienen ist ein anderer Roman aus der Feder Bellows: „Die Abenteuer des Augie March“, ein Klassiker der Weltliteratur. Auch hier fällt der starke Beginn auf:„Ich bin Amerikaner, geboren in Chicago, – dem düsteren Chicago – , habe mir selbst beigebracht, wie man die Dinge in die Hand nimmt, nämlich unkonventionell, und werde auch auf meine Art Erfolg haben.“ Ein selbstbewusster Auftakt. Damit beginnt nicht nur ein Roman, sondern ein gewaltiges Gesamtwerk. „Und werde auch auf meine Art Erfolg haben“. Denkt hier Bellow auch an sich?
Augie wächst in einem Armenviertel von Chicago auf und setzt alles daran, die Armut hinter sich zu lassen. Der gewitzte Held schlägt sich mit List und Betrug durchs Leben. So nimmt Augie sogar an einem Diebstahl teil. Um Geld für ein Studium zu gewinnen, klaut er Bücher und verkauft sie an Interessenten. Augie ist ein amerikanischer Felix Krull. Nur ist der Stil nicht ganz so kunstvoll und geschliffen wie bei Thomas Mann. Er nähert sich oft der Umgangssprache. Augie ist auch kein Intellektueller wie Charlie Citrine. Woher Bellow das alles hat? Diese Abenteuer können unmöglich alle selbst erlebt sein. Sie führen den Helden bis nach Mexiko.
Die Neuübersetzung dieses wirklichkeitssatten Romans durch Henning Ahrens ist als Taschenbuch erhältlich.
Im April 2025 jährt sich Bellows Todestag zum 20. Mal. Man sollte ihn jetzt schon lesen.
Saul Bellow: Humboldts Vermächtnis. Roman. Aus dem Amerikanischen von Walter Hasenclever. Deutscher Taschenbuch Verlag, 1995.
Es gibt auch eine gebundene Neuübersetzung: Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld, Kiepenheuer und Witsch, 2009.
Saul Bellow: Die Abenteuer des Augie March. Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Fischer Taschenbuch, 2015.
