Thomas Bernhard hat Salzburg gehasst. „Meine Heimatstadt ist eine Todeskrankheit“, schrieb er. Das klingt vielleicht nach Übertreibung, und Bernhard war tatsächlich ein Meister der Übertreibung, aber dieses Urteil meinte er ernst. Heimat hat Bernhard so wenig erfahren wie Geborgenheit und richtig gesund war er nie. Vielleicht ist er deshalb zum Misanthropen und einem der größten Provokateure der deutschen Literatur geworden. Gab es einen kompromissloseren Einzelgänger als ihn? In seinem ersten Roman „Frost“ heißt es: „Jedenfalls war ich früh allein gelassen, vielleicht schon immer allein gewesen.“
Thomas Bernhard wäre in diesem Jahr (2021) 90 geworden, er starb aber schon mit 58 Jahren. Das ist kein hohes Alter. Dass er es erreicht hat, ist in seinem Fall aber ein Wunder. Denn schon als Jugendlicher war er mehrfach dem Tod nahe, erst im Krieg, etwas später holte er sich in Salzburg seine Todeskrankheit.
Der Siebzehnjährige hat die Schule abgebrochen und im verrufensten Viertel von Salzburg eine Lehre in einem Gemischtwarenladen (geschildert in „Der Keller“) begonnen. Eine nicht ausgeheilte Erkältung führt zu einer schweren Lungen- und Rippenfellentzündung. Er wird ins Salzburger Landeskrankenhaus eingeliefert und bald abgeschrieben. Man hat ihn schon ins Sterbezimmer geschoben, als der Lebenswille wieder aufflackert.
So kehrt Thomas Bernhard ins Leben zurück. („Der Atem“). Seine Kindheit und Jugend war voller Erniedrigungen, als uneheliches Kind wächst er auf und wird in ein Heim für Schwererziehbare abgeschoben. („Ein Kind“). Leuchtendes Vorbild ist der Großvater, ein völlig erfolgloser Schriftsteller, der in vielen Jahrzehnten ein einziges Buch veröffentlicht und nur leben kann, weil Frau und Tochter für den Unterhalt sorgen. Bernhard wird es später besser machen, er war ein besessener Schreiber, und er hatte Erfolg. Seine Themen sind Kälte und Fremdheit, Krankheit und Tod.
Seine Lebensgeschichte hat Bernhard in fünf schmalen Bänden erzählt, die man als Hauptwerk bezeichnen kann. In diesen ist er weniger ein Meister der Übertreibung als ein Meister der Genauigkeit. So etwa im ersten Band („Die Ursache“), der Salzburg zum Schauplatz hat. Hier fällt der anfangs zitierte Satz: „Meine Heimatstadt ist eine Todeskrankheit“. Nur einmal empfindet Bernhard Mitleid: Als Salzburg nach den alliierten Luftangriffen in Trümmern liegt. In Salzburg hat sich Thomas Bernhard tatsächlich seine Todeskrankheit geholt. 1949 stirbt er zwar nicht, aber die Lungenentzündung führt fast 40 Jahre später zu seinem Tod: 1989 stirbt Thomas Bernhard in Wien. Dass er zuvor seine Jugendjahre geschildert hat, ist ein Glück. Sie sind das Fundament seines Werks.
Thomas Bernhard: Die Ursache, Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind. Dtv-Verlag