Der Publizist Friedrich Sieburg war eine schillernde Figur und ein eleganter Stilist. Das vorliegende Tagebuch behandelt die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs, vor allem in Tübingen, den Untergang des Dritten Reiches. Die Fensterscheiben beben vom Geschützfeuer von der Westfront. Die Lektüre ist eine intensive Erfahrung, das Tagebuch ist äußerst vielschichtig.
Wichtiges Thema neben dem Untergang Deutschlands: das Zusammenleben mit seiner geschiedenen Frau Dorothee: Sie bewohnen unterschiedliche Zimmer im Schloss Rübgarten. Das Zusammenleben ist die Hölle. „Der furchtbare Zusammenbruch meiner Ehe“ beschäftigt Sieburg. Dorothee schlägt ihren ehemaligen Mann und terrorisiert ihn. Sieburg weint oft. Immer wieder spürt er seine Einsamkeit, seine Heimatlosigkeit. „Wenn ich jetzt ein Zuhause hätte, auf das ich mich freuen könnte, diese Heimatlosigkeit ist manchmal von unerträglicher Bitterkeit.“ (17. 1.) In diesen Momenten wird der Mensch Sieburg sichtbar. Er sehnt sich nach seiner ehemaligen Frau. „Es sind zwei Wesen in ihr, die nie zusammenkommen, eine verhängnisvolle Spaltung, aber deswegen bleibt sie für mich doch die Frau, die ich am meisten geliebt habe.“ So werden der Untergang Deutschlands und das Ende einer Ehe eng geführt.
1939 trat Sieburg ins Auswärtige Amt ein und war in Paris Botschaftsrat bis 1942. In diesem Jahr heiratet er Dorothee geborene von Bülow. Die Ehe hält nur zwei Jahre. Mit der Scheidung nimmt das Leiden kein Ende. „Meine Nerven halten diese Quälereien einfach nicht aus. … Es ist alles so grauenvoll, daß das Grauen dieser Epoche dahinter versinkt.“ Mit anderen Worten: Seine eigene Geschichte ist ihm wichtiger, geht ihm näher als die Zeitgeschichte. „Die tausend Tode, die ich während dieser Jahre [mit Dorothee] gestorben bin, haben mir oft den Blick für das Grauen rings um mich verhüllt.“ Kann man das als Selbstkritik eines Narzissten lesen?
Über manche Sätze kann man nur den Kopf schütteln: „Es gibt nur zwei Mächte in der Welt, die genau wissen, was sie wollen: das ist das NS-Deutschland und die Bolschewiken. Alles andere ist gedankenloser Flugsand.“ Das ist nicht gerade eine demokratische Einstellung. Wissen die Alliierten nicht, was sie wollen? Warum distanziert sich Sieburg nicht vom NS-Deutschland? Als die Ardennenoffensive erste Erfolge zeigt, glaubt Sieburg an eine Wende des Krieges. Dabei ist er längst verloren. Sieburg glaubt weiterhin an den Führer. Unfassbare Sätze: „Aber Gottes Sohn ist auch für uns, auch für den Führer am Kreuz gestorben.“ (30. 3.)
Er erklärt, warum ihm die SS so nahe steht! Später dekuvriert er diese Geständnisse als Strategie zum Selbstschutz. Er muss fürchten, dass sein Tagebuch der Gestapo in die Hände fällt. Da will er sich nicht verraten. Unfassbar auch, was er zum Tod von Roland Freisler, dem mächtigen, tobsüchtigen Präsidenten des Volksgerichtshof schrieb. „Vielen von uns ist er zu früh gestorben.“ Warum schreibt er nicht, dass Freislers „Name zum Synonym für eine Unrechtsjustiz schlechthin“ wurde (so Wikipedia)? Freisler demütigte die Angeklagten, sein Volksgerichtshof war eine Mordmaschine. Mit Rechtsprechung hatte das nichts zu tun. Einen feinsinnigen Geist wie Sieburg hätte das abstoßen müssen.
28 Dezember: „Ich las aus „Lotte in Weimar“ vor. Wieder war ich von der Meisterschaft überwältigt. Aber es verstimmte allgemein, daß man durch Goethes Mund so unumwunden seine Sache plädiert.“ Das war zur Zeit des Dritten Reiches aber dringend nötig. Thomas Mann dokumentiert mit seinem Goethe-Roman: Goethe ist im Exil. Auch die „Buddenbrooks“ liest Sieburg mit großem Genuss. (6. 2. 1945)
Die Feinde Deutschlands seien keine Psychologen. „Ihre Ankündigungen, daß sie Deutschland vernichten und alle politischen Führer umbringen wollen, holt aus unserem Lande ja wirklich das Äußerste an Widerstandswillen heraus.“
Sieburg dagegen ist ein Psychologe. „Jemand rühmt meinen psychologischen Scharfblick. Das Lob ist berechtigt, aber ich bin nicht stolz darauf.“ (22. 1. 45)
Die Deutschen hoffen auf die versprochenen Wunderwaffen. Andererseits. „Eine Stadt wie Tübingen besteht nur aus verwundeten Soldaten und bepackten Frauen.“ Immer wieder wandert er nach Dätzingen, um im dortigen Schloss zu übernachten. Oft fährt er mit dem Zug von Herrenberg nach Gärtringen. Da weiß er noch nicht, dass er die letzten Jahre am Rand von Gärtringen verbringen wird, in der Villa Schwalbenhof ist er vor sechzig Jahren verstorben.
Die Schriftstellerin Annette Kolb träumt „sicher davon, einmal, nur einmal wieder durch München gehen zu können. Sie macht sich aber wohl nicht klar, daß es München gar nicht mehr gibt.“
Seine Sehnsucht nach Dorothee ist ungebrochen. Nie werde er eine andere Frau lieben können, vertraut er dem Tagebuch an. „Gewiß hat sie mein Leben zerstört“ (25. 2)
Über Berlin: „Die Zerstörung der Stadt greift unaufhaltsam um sich.“ (26.2.)
„Erbarmungslos wird Deutschland zum Trümmerfeld. Ich dichte abends.“ (19.3.)
„Meine Sehnsucht nach Chopin. …. Ich möchte der Chopin der Literatur werden.“ (29.3.)
Das Kriegsende erlebt Sieburg in Bebenhausen bei Tübingen. Nach der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches wurde Sieburg einige Jahre mit einem Publikationsverbot belegt, weil er sich nicht streng genug gegen die Nazis abgegrenzt hatte.
Am 19. Juli 1964 stirb der große Publizist und Literaturkritiker in Gärtringen. 2022 erschien sein Tagebuch vom November 1944 bis zum Mai 1945: „Die Fliege im Bernstein“.
„Wir sind wirklich arme Menschen, und kein Menschen, der das nicht mitgemacht hat, wird es je begreifen können.“ Mit seinem Tagebuch will er einen Eindruck davon vermitteln. Er reflektiert das Führen eines Tagebuchs: „Nichts ist offenbar schwieriger als den Alltag festzuhalten, in dem man gerade lebt.“ Der Herausgeber Joachim Kersten schreibt in seinem Nachwort: „Friedrich Sieburg war schon zu seinen Lebzeiten eine umstrittene Figur. Er ist es bis heute geblieben.“
Man sollte dieses Tagebuch kennen, es ist ein erstaunliches Zeitdokument. Wie immer man Sieburg beurteilen will: Weil der Publizist ein kluger Geist war, ist das Tagebuch eine fesselnde Lektüre.
Friedrich Sieburg: Die Fliege im Bernstein. Tagebuch vom November 1944 bis zum Mai 1945. Herausgegeben unter Mitarbeit von Klaus Deinet und mit einem Nachwort von Joachim Kersten. Wallstein Verlag, 2022.
