Der Roman beginnt stark: „Mein Vater ging auf seine Art in die Berge.“ Zu diesem Anfangssatz gäbe es einiges zu sagen. Nur so viel: Im Laufe der Lektüre erfährt man, dass der Vater und die Berge in diesem Buch von Paolo Cognetti eine wichtige, ja zentrale Rolle spielen. Der Vater, ein Chemiker, kann gut reden, aber schlecht zuhören. Er nimmt den Ich-Erzähler mit ins Hochgebirge. Beide haben genug von ihrer Heimatstadt Mailand. In einem Bergdorf lernt der Erzähler einen Jungen kennen, mit dem er sich anfreundet. Sein Name: Bruno. Die Mutter setzt sich für den Freund ihres Sohnes ein: Bruno macht auf ihr Betreiben hin einen Hauptschulabschluss.
Mit dem Vater unternimmt Pietro Bergtouren. Sie überqueren einen Gletscher. Man muss sich nicht für Berge interessieren, um diesen hinreißenden Roman mit Gewinn zu lesen.
Der Erzähler enttäuscht den Vater, indem er das Mathematik-Studium abbricht. Ein Jahr
lang reden die beiden nicht mehr miteinander. Der Sohn schreibt sich an der Filmakademie ein. Zu seiner Mutter hält er mit Briefen Kontakt.
Eine wichtige Figur ist Onkel Piero, der Medizin studiert hat und bei einem Lawinenunglück in den Bergen ums Leben kam: „Ich sei Piero unheimlich ähnlich, sagte meine Mutter. Er sei ein schweigsamer, nachdenklicher Mensch und sehr sensibel gewesen, habe sich gut in andere hineinversetzen können, stärkeren Charakteren aber nicht viel entgegenzusetzen gehabt.“ In zwei Sätzen entsteht das Porträt des Helden.
Über die Freundschaft mit Bruno sagt Pietro: „Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren. Er ist mein bester Freund.“ Lara, eine attraktive junge Frau, kontert: „Ich wusste gar nicht, dass du Freunde hast. Ich dachte, du ergreifst sofort die Flucht, sobald dir jemand zu nahe kommt.“ Deutlicher kann man es nicht sagen. Der Erzähler weicht nicht nur Frauen aus.
Lara und Bruno werden ein Paar. „Er wirkte ernster als früher – so wie viele Männer, sobald eine Frau in ihr Leben tritt. Sie dagegen war entspannter.“ Eine genaue Beobachtung.
Cognetti ist überhaupt ein sehr genauer Erzähler. Meisterhaft , wie er die Häutung und Ausweidung einer erlegten Gemse beschreibt. Sehr genau wird auch das Leben in den Bergen beschrieben. Es passiert gar nicht so viel in diesem Roman, aber er hat viel von einem Abenteuerroman. Der Vater des Ich-Erzählers hat ihm ein Stück Land im Gebirge vermacht. Bruno und Pietro bauen an dieser Stelle ein Hütte. Immer wieder ist sie ein Rückzugsort. Wichtiger als die Handlung sind die Landschaftsbeschreibungen. „Der See unter uns erinnerte an schwarze Seide, die sich im Wind kräuselt.“
Bruno macht sich Sorgen, weil der Erzähler Pietro immer wieder die Einsamkeit aufsucht. Lara hat dafür Verständnis. Pietro wird klar, dass er sich in der Gegenwart der Berge niemals einsam fühlen wird.
Die „Acht Berge“ befinden sich in Nepal. Der Erzähler will einen Dokumentarfilm über Bergsteiger im Himalaya drehen.
In Tibet trifft er idealistische Zeitgenossen. Bergsteiger, die als Maurer aushelfen, ehrenamtlich arbeitende Ärzte. „Diese Leute waren nicht immun gegen Geltungssucht oder Machtstreben, hatten aber wenigstens idealistische Motive. Und unter Idealisten fühlte ich mich wohl.“ Als Leser fühlt man sich in diesem reichen Roman sehr wohl.
Paolo Cognetti: Acht Berge. Penguin Verlag, 2018.
