Aus aller Welt: Geschichten von Judith Hermann

Vor 25 Jahren wurde Judith Hermann durch ihren Erzählungsband „Sommerhaus, später“ über Nacht berühmt. Fünf Jahre später, vor zwanzig Jahren, erschien ein weiterer Band mit Geschichten: „Nichts als Gespenster“. Die Erwartungen waren immens. Mancher Leser konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Wikipedia schreibt: „Von der Kritik und vom Publikum wurde Nichts als Gespenster weniger begeistert als der Erstling aufgenommen.“ Dabei sind die neuen Geschichten keineswegs schlechter. Sie sind deutlich länger als die des Debütbandes und sind nicht mehr in Berlin angesiedelt, sondern in Venedig, Tromso, Prag, Austin (Nevada), Karlsbad, Island.

Judith Hermann hat nicht nur einen ganz eigenen Sound, sie hat auch einen eigenen Blick auf diese Orte. Sie vermittelt die besondere Atmosphäre dieser Schauplätze und lässt sie lebendig werden, etwa Venedig oder Austin, wo die Titelerzählung spielt. In Prag muss man 1500 Treppenstufen hinter sich bringen, um vom Atelier eines Künstlers einen Blick über die Moldau zu erhalten.

Judith Hermanns Erzählungen bewegen sich auf hohem Niveau. Ihre Erzählkunst erweist sich in den Landschaftsbeschreibungen und in der Figurenzeichnung. Filigran sind alle sieben Erzählungen gearbeitet. Die Geschichten sind lang, fast kleine Romane. Sie erreichen zwar nicht die magische Lakonie des Erstlings, aber die Figuren sind komplizierter, alles dreht sich um Beziehungen, über die flüchtigen Beziehungen zwischen Mann und Frau. „Versprich mir, dass du niemals etwas mit ihm anfangen wirst.“ So beginnt der Band. Die Freundin verspricht es. Im Laufe der Erzählung wird sie ihr Versprechen brechen. Das ist typisch für diese Erzählungen. Viele Beziehungen werden durch Verliebtheiten in Frage gestellt.

In der Islanderzählung „Kaltblau“, 60 Seiten lang, verliebt sich plötzlich eine Isländerin in einen Gast aus Berlin, obwohl sie Mann und Kind hat. Diese Verliebtheit ist nicht von Dauer. Aber nur deshalb, weil der Gast wieder abreist. In dieser Erzählung fallen die Naturschilderungen auf. Sie nehmen einen breiten Raum ein. “Alles ist still und weit und gottverlassen, die schwarzen Herden der Islandpferde und der Dampf aus dem Pool ist das einzige, was sich bewegt. Und das Licht wechselt von Moment zu Moment, … der plötzliche Blick auf die Berge, der Himmel reißt auf und zieht sich wieder zusammen in drohenden blauschwarzen Wolken, dann wieder Nebel und gar kein Licht mehr.“

In der letzten Erzählung werden zwei mäßig begabte Berliner Instrumentalisten zu einem Musikfestival nach Norwegen eingeladen. Damit haben sie nicht gerechnet. Für eine Woche haben sie freie Kost und Logis, auftreten müssen sie in einem Club ohne Gage. In Tromso angekommen, erfahren sie, dass das Festival ausfällt. Sie bleiben trotzdem die Woche in Norwegen, ja, fasziniert von Tromso verlängern sie ihren Aufenthalt.

Atemlos endet die Erzählung. Das Musikduo aus Berlin befindet sich nachts auf einer Insel mit Leuchtturm. Die letzten Wörter: „,Und bist du jetzt glücklich?´ sagte Owen atemlos, und ich sagte ,sehr´“. Der Leser ist es längst.

Judith Hermann: Nichts als Gespenster. S. Fischer Verlag, 2003.

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