Ein Pakt mit dem Teufel – Thomas Manns „Doktor Faustus“

Wahrscheinlich ist es Thomas Manns schwierigster Roman. Das verraten schon die ersten Sätze, wo sich der humane Chronist Serenus Zeitblom in Nebensätzen fast verliert. Trotzdem lohnt sich die Lektüreanstrengung, wie bei aller großen Literatur. Man erfährt viel über Deutschland und die Deutschen. Und über Thomas Mann.

Als Biograph des Komponisten Adrian Leverkühn wächst der Gymnasiallehrer Zeitblom über sich hinaus. Zeitblom schildert detailliert den abgründigen Lebenslauf seines Freundes, der seine Seele dem Teufel verkauft hat, um geniale Werke schaffen zu können. Zeitblom schreibt dabei so kunstvoll wie Thomas Mann, dabei ist er ein einfacher Schulmeister. Thomas Mann selbst suchten bei der Arbeit am Roman schwere Selbstzweifel heim. Immer wieder schien ihm das Gelingen fraglich.

Der Berliner Schriftsteller Michael Kleeberg bemerkte einmal: “Thomas Mann schließt die Arbeit an den Josephsromanen ab, und einige Wochen später beginnt er den ,Doktor Faustus´. Da fällt man tot um.“ Es sind jetzt 80 Jahre, dass Thomas Mann mit der Arbeit an dem großen Musik(er)roman begann.

Der „Doktor Faustus“ steckt voller musiktheoretischer Reflexionen, das macht die Lektüre zeitweise schwierig. Weil Thomas Mann kein Komponist war, aber Leverkühns bahnbrechende Werke möglichst genau beschreiben wollte, überließ er das Manuskript Theodor W. Adorno, der ja nicht nur Philosoph und Soziologe, sondern auch Komponist war. Adorno machte für die Meisterwerke Leverkühns detaillierte Vorschläge. Mit diesem Roman erwies sich Thomas Mann endgültig als „musikbesessenster Autor der Weltliteratur“ (so Hans Rudolf Vaget in seinem Buch „Seelenzauber. Thomas Mann und die Musik“). Der „Doktor Faustus“ ist wohl der bedeutendste Musikroman der Weltliteratur. Gleichwohl unterlaufen Thomas Mann kleine Fehler, der berühmteste: Er schickt seine Figuren in ein Orgelkonzert mit Musik von Heinrich Schütz. Dabei hat Schütz keine Orgelmusik komponiert. Oder er spricht vom „Fugengewicht der Akkorde“, ein Lesefehler, gemeint war „Eigengewicht der Akkorde“. Stolz war Thomas Mann auf die Musikbeschreibungen des Romans.

Erzählt wird das „Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn“ „von einem Freunde“ wie es im Untertitel heißt. Serenus Zeitblom ist die Gegenfigur zu seinem dämonischen Freund: ein bodenständig-humaner Gymnasiallehrer, dem alles Diabolische fremd ist. Thomas Mann spaltet sich in zwei Figuren auf. Der Schulmeister Zeitblom sei eine Parodie seiner selbst, schrieb er 1948 in einem Brief, in Adrians Lebensgefühl sei mehr von seinem eigenen als man glauben sollte und soll.

Der Name Zeitblom deutet es an: der Roman ist ein Zeitroman und besteht aus zwei Zeitebenen: er spielt in der Gegenwart des Weltkriegs und in der Vergangenheit von Leverkühns Leben.

Thomas Mann schreibt über eine Zeit, in der die Kunst in der Krise steckt. In der Musik war schon alles da, alle Möglichkeiten sind ausgereizt, wer weist neue Wege?

Leverkühn schließt einen Pakt mit dem Teufel, um geniale Werke schaffen zu können. Das ist ein Aktualisierung des „Faust“-Stoffs. Heinrich Heine hat in „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ über diesen Stoff gesagt: Die Figur des Faust ist Deutschland. Keine andere seiner Figuren liebte Thomas Mann so sehr wie Adrian Leverkühn. Das ist verwunderlich, denn Leverkühn ist ein kühler Kopf, alles andere als liebens-würdig, mit wenig einnehmenden Eigenschaften.

Adrian Leverkühn wird mit einem Leitmotiv ausgestattet: dem Motiv der Kälte. Gerade Kälte hat man Thomas Mann (und auch seiner Leitfigur Goethe) immer wieder vorgeworfen.

Für das Schicksal seines Helden hat Thomas Mann viele Züge von Friedrich Nietzsche übernommen, der ja für den jungen Thomas Mann ein zentraler Autor war.

Die Bedingung des Teufels: „Liebe sei dir verboten.“ Dafür schenkt er Leverkühn bahnbrechende Inspiration. Ob Leverkühn tatsächlich dem Teufel begegnet oder ob er eine Vorspiegelung seines kranken Geistes ist, bleibt offen.

Der Roman spielt in Kaisersaschern, eine Art ostdeutsches Lübeck, an der Saale gelegen. Es ist eine verteufelte Stadt. Hier gehen die Dämonen um. Wendell Kretschmar ist ein Stotterer, aber er hat etwas zu sagen. Er hält in Kaisersaschern Vorträge zur Musik, die allerdings auf wenig Resonanz stoßen: Warum hat Beethovens letzte Klaviersonate nur zwei Sätze? Die Bürger der Stadt interessieren sich für solche Fragen nicht. Aber Leverkühn ist ein dankbarer Zuhörer. Beethovens riesenhafte Gestalt prägte das 19. Jahrhundert. Auch im Werk Adrian Leverkühns ist er präsent. Leverkühns letztes Werk ist als Zurücknahme der neunten Sinfonie konzipiert.

Leverkühn wird die Erfindung der 12-Ton-Musik zugeschrieben, das ist die Gabe des Teufels, Leverkühns Werke sind strengstens durchstrukturiert, „Es gibt keine freie Note mehr.“ Das trifft auch auf Thomas Manns Werke zu. Es gibt nichts Zufälliges. Jedes Detail hat seine Funktion. Jeder Name hat seine Bedeutung. Leverkühn – Adrian lebt ein kühnes Leben.

Der „Doktor Faustus“ ist ein großes Montagekunstwerk. Er steckt voller Zitate. Insofern kann man ihn fast als postmodern bezeichnen. Das Ende Adrian Leverkühns ist dem Hugo Wolfs nachgebildet. Auch Hugo Wolf hatte sich die Syphilis zugezogen und endete in geistiger Umnachtung.

Mit feierlichen Worten klingt der Musikroman aus: „Ein einsamer Mann faltet die Hände und spricht: Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.“ Hier wird ausgesprochen, was man schon geahnt hat: Leverkühns und Deutschlands Schicksal sind parallel gesetzt. Wie Leverkühn einen Teufelspakt eingegangen ist, hat sich Deutschland dem Teufel Hitler verkauft. „Faust ist Deutschland“, das schon zitierte Heine-Wort findet hier seine Erfüllung.

Vor achtzig Jahren: am 23. Mai 1943 begann Thomas Mann die Niederschrift des großen Spätwerks. Jetzt ist eine günstige Taschenbuch-Ausgabe erschienen.

Thomas Mann. Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde. Fischer Taschenbuch Verlag, 2023.

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