Peter Härtlings Fanny Mendelssohn-Roman

Fanny Mendelssohn war ähnlich begabt wie ihr Bruder Felix, der ja ein Wunderkind war und mit Mozart verglichen wurde. Sie war eine große Pianistin, eine talentierte Komponistin und eine sensible Frau. Aber sie durfte die Musik nicht zum Beruf machen. Sie war kein Mann. Sie hatte zu heiraten, Kinder in die Welt zu setzen und sich um die Familie zu kümmern. So heiratete sie den Maler Wilhelm Hensel. Trotzdem hat sie viele Werke geschaffen, weit mehr als 460. Sie ist die bedeutendste Komponistin des 19. Jahrhunderts, noch vor Clara Schumann, die das Glück hatte, sich als Komponistin und Pianistin verwirklichen zu dürfen.

Peter Härtling, Fachmann für Künstlerbiographien, hat einen Roman über Fanny Hensels Leben geschrieben, den man mit Anteilnahme liest. Er kommt seiner Heldin nahe, beleuchtet ihr bewegtes Innenleben. Wieder einmal erweist sich Härtling als Meister der Einfühlung. Man weiß es: Härtling liebte die Musik. Er hat über Schubert und Schumann geschrieben, wenn er aus diesen Werken las, waren die Säle überfüllt. Seine Lesungen wurden meist von Musik umrahmt. Härtlings Sätze klingen. Seine Heimat war die Musik, wohl auch die Sprache. Ihr vertraute er sich an. Sprache und Musik wollte er immer wieder verbinden. Mit Gedichten hatte der Zwanzigjährige begonnen. Sein Buchdebüt trug den Titel: „poeme und songs“. „Gedichte und Lieder“, schon hier begegneten sich Sprache und Musik.

Härtlings Fanny-Buch ist voller großer Szenen. Ganz eng ist die Verbindung der Geschwister Felix und Fanny: Sie sind „Wunderkinder. Die Musik verband und schützte sie, … bald merkten sie, dass sie ´anders´ waren.“ Über Fanny und Felix heißt es gegen Romanende: „Sie verständigten sich seit ihrer Kindheit mit Musik.“ Für Fanny durfte Musik nicht Beruf sein. Felix ist der gleichen Meinung wie sein Vater Abraham: “Das geht nicht, sagt er plötzlich nachdenklich, ein Mädchen kann nie ein Komponist sein.“ Es ist auch ein Buch über das Leben einer jüdischen Familie im Berlin der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Immer wieder begegnen ihre Mitglieder antisemitischen Attacken. Der Zusammenhalt dieser Familie ist enorm. 

In einer sehr ruhigen, bilderreichen und musikalischen Sprache erzählt Härtling diese Geschichte. Fanny stirbt im Alter von 41 Jahren. Von diesem Schock erholt sich ihr Bruder nicht mehr: Felix stirbt sechs Monate später, 38-jährig. Damit endet Härtlings berührendes Buch.

Am heutigen Montag wäre Härtling 90 Jahre alt geworden.

Peter Härtling: Liebste Fenchel. Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi. DTV 2013

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