Safranski entdeckt Goethe

Rüdiger Safranski ist der Erzähler unter den Philosophen. Philosophen wird oft vorgeworfen, unverständlich und kryptisch zu formulieren. Das ist Safranski fremd: Er formuliert klar und anschaulich. Selbst schwierigste Zusammenhänge macht er verständlich, Philosophie und Literatur werden bei ihm lebendig, das Erzählen ist seine Leidenschaft. Er ist ein Schriftsteller von leuchtender Intelligenz, mit einem glänzenden Stil.

Als Philosoph hat er sich mit bedeutenden deutschsprachigen Dichtern auseinandergesetzt, mit Friedrich Schiller etwa oder E.T.A. Hoffmann, aber auch mit Philosophen wie Schopenhauer, Nietzsche oder Heidegger. Das waren große Biographien, spannend, intelligent, auf hohem Niveau geschrieben. Das galt auch für das Buch über die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller.

Erst dann hat sich Safranski an einen Giganten der deutschen Literatur gewagt: an Johann Wolfgang von Goethe, den Olympier vom Frauenplan. Es ist Safranskis mit Abstand dickstes Buch. Vor genau 10 Jahren ist es erschienen. Über keinen anderen Schriftsteller ist so viel geschrieben worden, über keinen anderen Autor wissen wir so viel wie über Goethe. Trotzdem ist Safranskis Biographie alles andere als überflüssig, sie bringt uns Goethe nahe wie wenige andere Biographien, auf 750 Seiten, Safranski entdeckt Goethe geradezu. Es ist ein Goethe von innen. Safranski stützt sich dabei auf Goethes Werke, Briefe (Goethe schrieb jeden Tag mehrere) und Tagebücher und blendet die Sekundärliteratur, die ja Bibliotheken füllt, weitgehend aus. Wie immer befindet sich Safranski auf der Höhe seines Gegenstandes. Die Biographie begleitet einen, und sie fehlt einem, wenn man sie zu Ende gelesen hat. Der Untertitel der Biographie lautet „Kunstwerk des Lebens“. Damit ist zweierlei gemeint: Bei Goethe wird das Leben zum Kunstwerk und das Kunstwerk zum Leben.

Am Ende dieser großen Biographie steht ein Goethe-Zitat. Es fasst das ganze Buch zusammen: „Ich erinnerte mich dabei eines schmeichelnden Vorwurfs, den mir einst ein Jugendfreund machte, indem er sagte: Das was Du lebst ist besser als was Du schreibst; und es sollte mir lieb sein, wenn es noch so wäre.“

Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Hanser Verlag, 2013

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