Es ist eine merkwürdige Geschichte: Ein Mann ist in Amsterdam zu Bett gegangen und wacht in Lissabon auf. Er habe sich nie sonderlich für sich interessiert, gesteht er im ersten Satz, aber nun hat er etwas um Nachdenken. Wie kommt er nach Lissabon? Diese Erzählung ist eine Reise durch Raum und Zeit. Nooteboom war bzw. ist ein großer Reisender, seine Reiseberichte füllen viele Bände. Der Protagonist in dem Buch „ Die folgende Geschichte“, ein Lehrer für alte Sprachen, schreibt nebenher unter Pseudonym Reiseführer.
Cees Nooteboom wurde am 31. Juli 1933 in Den Haag geboren. Er lebt heute in Amsterdam, Berlin und auf Menorca. Schon der junge Nooteboom hat viel Welt erfahren. Wikipedia schreibt über eine Reise Nootebooms: „1957 heuerte Nooteboom auf einem Schiff in die Karibik als Leichtmatrose an, um in Suriname beim Vater seiner Braut Fanny Lichtveld um deren Hand anzuhalten. Die beiden heirateten gegen dessen Willen, trennten sich jedoch 1964 wieder. Die Erlebnisse dieser Reise fanden in den Erzählungen des Bands De verliefde gevangene (1958; dt.: Der verliebte Gefangene. Tropische Erzählungen, 2006) [ihren] Niederschlag.“ Nootebooms Themen: Reisen durch Europa und andere Kontinente, scheiternde Liebe, die Frage: Was ist wirklich?
Seit mir die Mutter meiner damaligen Freundin „Die folgende Geschichte“ auslieh, bin ich ein Nooteboom-Fan. In der Buchhandlung Schlecht an der Böblinger Bahnhofstraße musste ich den Namen des Autors buchstabieren. Einige Wochen später war das nicht mehr nötig. Das „Literarische Quartett“ hat diese Erzählung in den Literaturhimmel gehoben, und der Autor war in aller Munde. Das war 1991.
„Die folgende Geschichte“ ist wohl Nootebooms Hauptwerk, obwohl sie dünner als die großen Romane („Rituale“, „Allerseelen“) ist, hier werden seine zentralen Themen gebündelt: Einsamkeit, Verlorenheit, scheiternde Liebe. Nooteboom ist ein bedeutender Erzähler und ein großer Europäer. „Wie wird man Europäer?“ lautet der Titel einer Sammlung mit Reden. Seit 1953 unternahm er ausgedehnte Reisen durch Europa, häufig als Tramper. Diese Fahrten fanden in seinem ersten Roman ihren Niederschlag: Philip en de anderen (1955; dt.: Das Paradies ist nebenan, 1958).
„Man liest, man staunt und wird verzaubert wie von einem großen Traum“, schreibt Ulrich Greiner 2003 in der ZEIT über diese „Liebesgeschichte ohne Geliebte“ und „Reise ohne Ziel“.
Es ist ein merkwürdiges Buch, ein erstaunlicher Erstling. Er ist so komplex, dass man ihn mehrmals lesen muss. Und man muss ihn langsam lesen. Philip bereist die Provence, besucht ein Dorf, das in der sengenden Sonne wie ausgestorben daliegt. Ein Einheimischer ruft: “Holländer, du musst kommen, ich habe eine Geschichte zu erzählen.“ Der Roman besteht aus zahlreichen Geschichten.
Eine Frau sagt: „Ihr Menschen glaubt immer, eure Welt wäre die wirkliche. Doch das ist nicht wahr.“ Das erste Buch des Romans endet so: „Schließlich wurde es still. Und ich dachte, ich könnte das Mädchen vielleicht doch noch finden, irgendwo.“
Der junge Held ist einem chinesischen Mädchen auf der Spur.
Es beginnt mit dem merkwürdigen Onkel Antonin Alexander, der für seinen Neffen auf dem Cembalo spielt. Philip geht auf, dass ihm unter allen Menschen dieser Onkel der liebste ist. Ovids „Metamorphosen“ werden erwähnt, die in der „Folgenden Geschichte“ eine wichtige Rolle spielen.
Dem jungen Nooteboom gelingen expressive Sprachbilder: „Sie krallte die Füße mit den im Gras seltsam leuchtenden roten Nägeln in die Efeuranken und kletterte wie eine Katze empor.“
„Die Straßen waren still, aber in der Ferne hörten wir die Stadt.“ Es ist Paris.
Am Ende trifft Philip die schöne Chinesin, aber sie verschwindet wieder aus seinem Leben. Der Roman wurde zum Kultbuch einer ganzen Generation.
34 Jahre später: Als im November 1989 die Mauer fällt, hält sich Nooteboom in Berlin auf. In seinen „Berliner Notizen“ schreibt er über das epochale Ereignis, und er reist durch Deutschland, um die Geschichte und Geschichten der Deutschen zu verstehen. “Allerseelen“ ist ein großer Berlin-Roman, das Porträt einer Weltstadt im Umbruch.
Nootebooms Hauptthema ist und bleibt das Reisen.
Die „Folgende Geschichte“ erzählt eine Reise in den Tod.
Wie im „Tod in Venedig“ steht am Ende eine Hermesfigur, die der Hauptfigur den Weg in die Unterwelt weist. Dieses Finale entfaltet einen ganz eigenen Zauber. So endet eine der rätselhaftesten und schönsten Erzählungen der letzten Jahrzehnte.
In der Heimat des Autors, in den Niederlanden, wurde sie reservierter aufgenommen als in Deutschland.
Überhaupt wird Nooteboom in Deutschland höher geschätzt als in den Niederlanden selbst. Dort ist er ein Außenseiter. Die Wertschätzung Nootebooms spiegelt sich in der Tatsache wider, dass der Suhrkamp Verlag Nootebooms Gesammelte Werke heraus gibt, eine seltene Ehre für einen ausländischen Autor.
