Unvergessen sind die Vorlesungen des Lehrers in der vierten Klasse aus „Die Abenteuer des starken Wanja“, mit liebevoller, schwärmerischer Stimme trug er sie vor. Sieben Jahre verbringt Wanja auf dem Ofen, ernährt sich von Sonnenblumenkernen, darf kein Wort sprechen (das ist die erste Prüfung) und wird mit jedem Jahr stärker. Nach sieben Jahren ist er bereit für seine Abenteuer. Unzählige Leser sind mit Otfried Preußlers Büchern groß geworden: Viele seiner 38 Werke wurden Klassiker: „Die kleine Hexe“, „Der Räuber Hotzenplotz“, „Der kleine Wassermann“, „Die Abenteuer des starken Wanja“, „Das kleine Gespenst“, „Krabat“ und , als Nacherzählungen aus dem Tschechischen „Kater Mikesch“.
Sein düsterstes Buch ist „Krabat“. Es richtet sich an Jugendliche. „Als Lehrling kommt der Waisenjunge Krabat in die Mühle am Koselbruch. Zwölf Müllersburschen erlernen dort von ihrem Meister nicht nur das Handwerk, sondern auch die schwarze Kunst.“ (Homepage Otfried Preußler)
Ein sehr sympathisches Geschöpf ist der kleine Wassermann: Der kleine Wassermann ist ein unternehmungslusti-ges Wesen, das es liebt, den Mühlenwei-her zu erkunden. Er kennt die Fische bei Namen, und der Karpfen Cyrpinus ist sein bester Freund. Dann entdeckt er die Welt außerhalb des Weihers und erlebt zahlreiche Abenteuer. Das verbindet ihn mit zahllosen anderen Preußler-Figuren.
Preußler: „Die meisten meiner Kinderbücher haben sich in unserer Familie oder im unmittelbaren Umgang mit meinen Schulkindern angesponnen. Und bei fast allen Geschichten, die ich für Kinder geschrieben habe, handelt es sich um Stoffe und Gestalten, die mir aus der eigenen Kinderzeit wohlbekannt sind. Und so ist auch ‚Der kleine Wassermann‘ entstanden.“
Ein liebenswürdiges Wesen ist auch der Kater Mikesch, der höfliche Kater, der sprechen kann. Schusters Pepik aus Holleschitz hat es ihm beigebracht. Als er den Rahmtopf der Großmutter zerschlägt, macht er sich auf die Reise.
Preußler ist ein menschenfreundlicher Erzähler. „Kinder brauchen Geschichten“, lautet ein Kapitel in dem Buch „Ich bin ein Geschichtenerzähler“. Auf dem Buchrücken kommt Otfried Preußler selbst zu Wort: „Ich werde mitunter gefragt: Halten Sie es für richtig, Herr Preußler, den Kindern unserer Zeit, die ins dritte Jahrtausend hineinwachsen, noch Geschichten von Hexen und Wassermännern, von Zauberern, Feen und kleinen Gespenstern zu erzählen? Darauf kann ich nur antworten, dass ich das nicht nur für richtig, sondern für wichtig halte – für lebenswichtig, um es genau zu sagen.“
In „Ich bin ein Geschichtenerzähler“ erzählt er von Hintergründen seiner Jugendbücher. Sein Erzähltalent entdeckte er als Lehrer: Da gelang es ihm, mit seinen Geschichten die Schüler zu fesseln. Bald entschloss er sich, seine mündlichen Erzählungen aufzuschreiben. So sind 38 Kinder-und Jugendbücher entstanden, die in aller Welt gelesen werden. Sie wurden in 55 Sprachen übersetzt und haben eine Weltauflage von 50 Millionen erreicht, damit übertrifft er einen großen Kollegen: Michael Ende.
Seine Kindheit nannte Preußler „eine herrlich unbeschwerte Zeit.“ Otfried Preußler kam am 20. Oktober 1923 im nordböhmischen Reichenberg zur Welt, heute gehört es zu Tschechien. Schon sein Vater war Lehrer. Die Mutter arbeitete als Fachlehrerin für Deutsch, Geographie und Geschichte. Die Preußlers führten ein offenes Haus, in dem Künstler und Literaten verkehrten.
„Schon von klein auf holt sich der Junge aus der großen Bibliothek der Familie viele Anregungen.“ (so in „Ich bin ein Geschichtenerzähler“)
Wie beim Literaturnobelpreisträger Gabriel Gabriel García Márquez war die Großmutter eine große Erzählerin, von der die Enkel viel lernten. Preußlers Großmutter wusste um die Magie der Worte. Sie war eine begnadete Erzählerin, die genau wusste, wie man sein Publikum in Bann schlägt. Das gelang auch Otfried Preußler. Wie die Magischen Realisten, unter denen García Márquez herausragte, sind in Preußlers Büchern das „Übernatürliche und das Alltägliche selbstverständlich miteinander verwoben“ (so Wikipedia). Das ist ihr Reiz. Preußlers Geschichten eignen sich gut zum Vorlesen.
Otfried Preußler: Ich bin ein Geschichtenerzähler. Thienemann Verlag, 2010

