„Wörterleuchten“ von Peter von Matt

Wer Gedichte schreibt, kann davon nicht leben. Es gibt zu viele Menschen, die ohne Gedichte (gut) leben können, das Publikum für Lyrik ist verschwindend gering. Auch auf dieser Seite wurde noch kein Gedichtband vorgestellt. Aber nun gibt es ein hinreißendes Buch über Gedichte, das man unbedingt lesen sollte, das einen geradezu zur Lyriklektüre verführt: „Wörterleuchten“ des Züricher Literaturwissenschaftlers Peter von Matt: Hier werden 60 deutschsprachige Gedichte in kurzen Interpretationen vorgestellt. Der Vorzug: Für die Lektüre der Deutungen braucht man nur wenige Minuten (wobei manche einen tagelang beschäftigen).

Der Titel „Wörterleuchten“ erklärt sich schnell: Nirgends leuchten Wörter so sehr wie in einem Gedicht. Eine Schwitters-Zeile lautet: „Blau ist die Farbe deines gelben Haares.“

Alle Interpretationen sind in Marcel Reich-Ranickis „Frankfurter Anthologie“ in der FAZ erschienen, die der Dichtung eine Gasse öffnen wollte. Von Matt liefert glänzende Feuilletons und macht überraschende Entdeckungen. Die Literaturgeschichte im Blick, erzählt er Geschichten: „Heines Sterben dauerte jahrelang. Es wurde zu einem europäischen Schauspiel. Viele reisten deswegen nach Paris.“ Dann interpretiert von Matt ein Heine-Gedicht, in dem es um Krankheit und Tod geht.

Ein Höhepunkt des Bandes ist eine Deutung, die so beginnt: „Das große Glück der Annette von Droste-Hülshoff dauerte ein halbes Jahr.“ Sie hatte sich in einen Literaten verliebt, der 18 Jahre jünger war, eine rauschhafte Produktion setzte ein: „Sie schrieb wie in Trance, um dem geliebten Mann täglich die neuen Verse vorzulesen.“ Er heiratete bald eine Schriftstellerin, das Paar besuchte die Dichterin auf der Meersburg. „Als die beiden abreisten, wusste sie, dass sie den Mann für immer verloren hatte. Jetzt entstand das Gedicht – ein Schrei aus Verzweiflung, Trotz und Stolz. Ein Frauengedicht, wie es kein zweites gibt in der deutschen Literatur.“ Kennt man diesen Hintergrund, liest man das Gedicht anders, anteilnehmender. Es verwandelt Schmerz in Schönheit, steckt voller Leben und beginnt so: „Lebt wohl, es kann nicht anders sein! Spannt flatternd eure Segel aus, Laßt mich in meinem Schloß allein, Im öden geisterhaften Haus.“

Man muss kein Literaturprofessor sein (wie von Matt einer gewesen ist), um Gedichte wie dieses genießen zu können. Jeder Leser eines Gedichts hat recht. Aber natürlich fällt einem erfahrenen Leser mehr auf. Matt ist ein Meister der Verdichtung, und gelegentlich wird er selbst zum Dichter, etwa wenn er von den Romantikern sagt: „Ihnen verwehte das Ich in der ziehenden Zeit.“ Auch Matts Wörter leuchten. „Leben die Bücher bald?“ heißt es in Hölderlins „An die Deutschen“. Matts Gedicht-Buch lebt auf jeden Fall, denn es enthüllt den Reichtum von Gedichten. Sein Buch endet mit der Feststellung, „dass die Menschheit nie ohne Verse gelebt hat und ohne Verse nie leben wird. Die Dichtung gehört zum Planeten wie Blitz und Donner.“ Matts „Wörterleuchten“ ist vor vielen Jahren erschienen, aber es ist ein so besonderes Buch, dass man es heute lesen sollte. Wer mit Gedichten überhaupt nichts anfangen kann, wer süchtig nach Lyrik ist, der sollte zu diesem Buch greifen. Wer Gedichte liest, kann davon leben.

Peter von Matt: Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte. Hanser Verlag, 2009.

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