Lange Zeit hatte Arno Geiger zu seinem Vater keine Beziehung, August Geiger war fast ein Fremder. Dann verändert eine schreckliche Krankheit nicht nur das Leben des Vater, sondern das der ganzen Familie: Der Vater irrt durch das Haus, das er vor vielen Jahren gebaut hat und das er nicht mehr als seines erkennt, legt Socken in den Kühlschrank, und redet merkwürdige Dinge. August Geiger gleitet in die Demenz hinein, und es dauert lange, bis sein Sohn, der Schriftsteller, diese Krankheit begreift. Dann aber reagiert er verständnisvoll und entdeckt den eigenen Vater. „Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm.“ Geiger verliert seinen Vater zwar an eine tückische Krankheit, aber er gewinnt ihn auch. Auf einmal führen beide Gespräche von fast philosophischer Tiefgründigkeit miteinander. „Wie geht es dir, Papa?“, will der Sohn einmal wissen. Und der Vater antwortet: „Also, ich muss sagen, es geht mir gut. Allerdings unter Anführungszeichen, denn ich bin nicht imstande es zu beurteilen.“
„Was denkst Du über das Vergehen der Zeit?“, fragt der Sohn ein anderes Mal. „Das Vergehen der Zeit? Ob sie schnell vergeht oder langsam, ist mir eigentlich egal. Ich bin in diesen Dingen nicht anspruchsvoll.“ Einmal legt der Vater seinem Sohn die Hand an die Wange. „Dann erfasse ich, dass ich nie enger mit ihm zusammen sein werde als in diesem Augenblick.“
Nicht nur in diesem Moment ist „Der alte König in seinem Exil“ ein zärtlich-kluges Buch, es ist eine vorsichtige Annäherung an einen entschwindenden Vater. Es kommt dem Vater nahe, tritt ihm aber nicht zu nahe. Bevor August Geiger stirbt, möchte der Sohn dessen Geschichte erzählen, und das tut er mit knappen Strichen: August Geigers Ehe ist früh gescheitert. Nie ist der Verwaltungsbeamte mit seiner Familie in den Urlaub gefahren. Denn er meinte: Im Krieg habe er genug von der Welt gesehen. Nach dem Aufenthalt im Kriegsgefangenenlager wog der Vater 40 Kilogramm. Erfährt man alles über August Geiger? Nein, sein Sohn lässt dem Vater sein Geheimnis, seine Würde. Die Botschaft des Buches: Die Krankheit ist schrecklich, aber man kann mit ihr umgehen.
Je weiter Geigers Erzählung fortschreitet, desto mehr Gedanken macht sich der österreichische Autor über den Tod, auch über den eigenen: „Der Tod ist einer der Gründe, weshalb mir das Leben so anziehend erscheint.“ „Der alte König in seinem Exil“ ist also auch ein Buch über den Schriftsteller Arno Geiger, der genau weiß: „Jemand wird die Geschichte, die ich erzähle, weitererzählen.“ Sie ist also noch nicht zu Ende.
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Hanser Verlag 2011.
