Das Buch “Von allem Anfang an“ von Christoph Hein schildert die Jugend eines zukünftigen Schriftstellers und enthält wie jedes gute Buch Szenen, die man nicht mehr vergisst, etwa den Tanz einer jungen Schauspielerin, das Baden im Russensee oder den Auftritt eines dämonischen Wissenschaftlers in der Schule des Ich-Erzählers. Ist das nun ein Roman wie es auf der Titelseite der Suhrkamp-Ausgabe steht? Oder, wie Wikipedia behauptet, eine „Autobiographie“? Wahrscheinlich ist es ein Roman mit autobiographischen Zügen.
Der Ich-Erzähler heißt Daniel und ist Sohn eines Pfarrers. Wie gerne würde er wie seine Kameraden am Sonntagvormittag auf den Fußballplatz, aber er muss in den Gottesdienst, um der väterlichen Predigt beizuwohnen. Dieser Sonntagmorgen ist für ihn verlorene Zeit, „so unerfreulich und bedrückend wie die Vormittage in der Schule“. Beides ist lästige Pflicht.
Nur ein Mensch aus seiner Umgebung besucht regelmäßig Gottesdienste, allerdings katholische: die schöne und kluge Lucie, die nicht nur Christin, sondern auch überzeugte Kommunistin ist, eine widersprüchliche Kombination.
Ihr begegnet der Leser am Anfang des Buches. „Ich hätte ihr beinahe erzählt, dass ich mich bei der Tante verabschieden müsse, weil ich die Stadt verlasse und für immer nach Westberlin ziehe, aber dann erinnerte ich mich noch rechtzeitig daran, wie sie mich bei Fräulein Kacmarek verraten hatte.“ Damit ist sehr früh auf das Ende verwiesen. Lange zögert Daniel, ob er wie sein älterer Bruder nach West-Berlin übersiedeln soll. Die ostdeutsche Provinz hat auch ihre Vorzüge. Sie ist überschaubar und vertraut. Die Weltstadt Berlin ist aufregend, aber auch beunruhigend.
Am Anfang und Ende steht die Tante Magdalena.
Von ihr und seiner Familie wollte der Autor immer erzählen, aber die Lücken in der Erinnerung haben ihn davon abgehalten.
Der Vater geht in seinem Beruf auf. Klassenkameraden und einige Lehrer „machten gelegentlich abfällige Bemerkungen über den Beruf meines Vaters“.
Nach dem zweiten Weltkrieg wird der Großvater Gutsverwalter in Holzwedel. Auf diesem Anwesen verbringt Daniels Familie jedes Jahr die Sommerferien. Das Gut wird in Fontane´scher Manier beschrieben. Die Lieblingsautoren der Großmutter werden später tatsächlich Dumas und Fontane.
Der Großvater über seinen Enkel Daniel: „Der Junge liest zu viel, das ist nicht gut für den Kopf.“ Dem Großvater missfällt es, dass sich der Junge zurückzieht, um zu lesen. Auf dem Gut gibt es viele Aufgaben für ihn.
Der Großvater leistet vorbildliche Arbeit. Weil er sich aber weigert, in die Partei einzutreten, wird er als Inspektor abgesetzt. Zum Landrat sagt er: „Wenn Du mich nicht brauchst, ich habe dich nicht nötig.“ Dieser Großvater ist ein unbeugsamer Charakter. Die Großmutter: „Mit Deiner Sturheit bringst Du uns noch einmal ins Gefängnis.“ Daniels Familie nimmt die Großeltern bei sich auf. Für alle beginnt ein neues Leben. Auf seinem Gut war der Großvater eine Autorität. „Seitdem sie zu uns gezogen waren, war alles anders geworden.“ Der Großvater kümmert sich nun um den Garten.
Die Großmutter entdeckt die Bücher. Auf dem Gut war zu viel zu tun, als dass Zeit für Lektüre geblieben wäre. Ihre Belesenheit ist enorm, und sie hat für jede Gelegenheit ein Zitat. Die Eltern lächeln über sie, man lebe in einer anderen Zeit.
Die Großmutter hat jetzt viel Zeit für die Enkelkinder, erzählt von Schlesien und dem ansehnlichen Rittergut, das sie mit dem Großvater dort verwaltet hat. “Anfang 1945 war der Kriegslärm bereits auf dem Gut der Großeltern und im Dorf meiner Eltern zu hören.“ Die Flucht in den Westen beginnt, nach Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt.
Die Reise findet erst ein Jahr später ihr Ende. Sie müssen sich von vielen Habseligkeiten trennen, um nicht zu verhungern. Ihnen bleibt fast nichts.
Es gibt eine Gegenfigur zum aufrechten Großvater:
Die schöne Pille will in die Partei eintreten. Daniel kann es nicht fassen.
„Und warum gehst du in die Partei?“
„Warum nicht? Wer was ändern will, muss da eintreten. Und ich will was erreichen. Ich will was aus meinem Leben machen, etwas Richtiges.“
In der Schule wird Daniel als Schauspieler entdeckt.
Das erste Stück wird ein Erfolg, Daniel erhält den meisten Beifall. Er heißt jetzt nur noch Johnny. Sie dürfen mit ihrer Inszenierung nach Dresden. Dort lernt er Mareike kennen. Sie weiß, was sie werden will: Tänzerin.
Möglichst schnell will sie die Schule verlassen, um ihren Traum zu verwirklichen. „Als Tänzerin braucht man kein Abitur.“
Dass Mareike ihn im Zimmer besucht, um vor ihm zu tanzen, verstößt gegen die Hausordnung. Er bekommt einen Tadel, „wegen ungebührlichen Betragens“, die Hauptrolle wird ihm entzogen. Mareike verschwindet aus seinem Leben.
Soll er sich für einen Schulbesuch in West-Berlin entscheiden? „Ich könnte unsere langweilige Kleinstadt endlich verlassen und in einer aufregenden Großstadt leben.“
Der erste Reise nach West-Berlin ist ein denkwürdiges Ereignis. Natürlich wird auch der Kurfürstendamm besucht. Aber die große Stadt beunruhigt auch. Der Ich-Erzähler ist gespalten. „Die große Stadt war nicht nur anziehend, sie hatte mich auch verunsichert.“
Die Oberschule im kommunistischen Osten wäre ihm vertrauter.
„Was mich an der Kleinstadt und meiner Familie aufs Äußerste verbitterte, war die vollkommene Ereignislosigkeit.“ Der Wechsel in die große Stadt ist ersehnt und gleichzeitig gefürchtet.
Den Schulfreunden erzählt er vom Besuch in West-Berlin.
Jetzt hat Lucie ihren großen Auftritt. Sie ist Klassenbeste und gleichzeitig das schönste Mädchen in der Klasse. Jeder Junge in der Klasse will mit ihr befreundet sein.
Sie verrät Daniel. Er sei in Westberlin gewesen und habe auf dem Schulhof feindliche Propaganda verbreitet, erzählt sie der Klassenlehrerin.
Daniel vergisst ihr diesen Verrat nicht.
Es ist ein Buch der Abschiede: Der Großvater muss Abschied nehmen von seinem Gut, Daniel von Mareike, Tante Magdalena und seiner kleinen Stadt. Auch das wichtigste Ereignis in Tante Magdalenas Leben war ein Abschied.
Von dieser Tante bleibt nichts zurück. Nur dieses Buch.
Christoph Hein: Von allem Anfang an. Aufbau Verlag, 1997/ Suhrkamp Verlag, 2004
